Sri Aurobindo, Mutter und Avatarschaft

"Würde die Menschheit nur einen Schimmer davon erhaschen, was für unendliche Freuden, was für vollendete Kräfte, was für leuchtende Weiten spontanen Wissens, was für ruhige Ausdehnungen unseres Wesens auf uns warten in Regionen, die unsere tierhafte Natur noch nicht erobert hat, so würde sie alles lassen und nicht eher ruhen, als bis diese Schätze gewonnen sind. Doch der Pfad ist eng, die Tore sind schwer aufzubrechen, und Misstrauen, Angst und Zweifelsucht sind da, die Fangfühler der Natur, die unseren Fuß daran hindern sollen, sich von den gewöhnlichen Weiden abzukehren."

 

"Die störrische Hartnäckigkeit, mit der wir uns an unser dürftiges, unvollkommenes, nacht- und kummerbeladenes individuelles Dasein klammern, selbst dann, wenn uns die ungebrochene Seligkeit unseres universalen Lebens ruft, ist eines der erstaunlichsten Geheimnisse Gottes. Es kann höchstens verglichen werden mit der unendlichen Blindheit, mit der wir den Schatten unseres Ego über die ganze Welt werfen und dann das universale Wesen nennen."

 


Sri Aurobindo und Mutter hielten nichts von Biografien oder einem Kult um ihre Person, weil es von der eigentlichen Absicht ablenkt. Sie verstanden sich als Forscher im Laboratorium der Erde, um der Menschheit einen weiteren Impuls für ihre Evolution zu geben. Es ist unser Ego, das auf einer Website nach der "über-mich"-Seite sucht, weil es neu"gier"ig ist, wer hinter den Worten steht, welche Qualifikationen die Person vorzuweisen hat und um danach vielleicht beurteilen zu können, ob sie glaubwürdig ist. 

Beide machten das an mehreren Stellen sehr deutlich. Sri Aurobindo: „Ich glaube nicht an Werbung, außer für Bücher, und nicht an Propaganda, außer für Politik und Arzneimittel. Für ernsthafte Arbeit ist das Gift. Es bedeutet entweder Sensation oder großes Aufsehen – und beide Dinge erschöpfen die Sache, die sie auf ihrer Schaumkrone tragen, und lassen sie leblos und zerschellt an der Küste von nirgendwo -, oder es bedeutet eine Bewegung. Eine Bewegung im Falle einer Arbeit wie der meinen bedeutet die Gründung einer Schule, einer Sekte oder eines anderen verdammten Unsinns. Es bedeutet, dass Hunderte und Tausende nutzloser Leute sich anschließen, das Werk korrumpieren oder es auf eine pompöse Farce reduzieren, von der sich die Wahrheit, die herabkam, in Verborgenheit und Stille zurückzieht. Dies geschah mit den „Religionen“ und ist die Ursache für ihr Versagen."

An einen seiner Biografen gerichtet: „Weder du noch jemand anderes weiß auch nur irgendetwas von meinem Leben, es hat sich nicht für die Menschen sichtbar an der Oberfläche abgespielt.“ 

Genauso ist es, wenn man den Weg der Transformation beschreiten will. Das alltägliche Leben läuft für lange Zeit weiter, während das Wesentliche innerlich abläuft, und es gibt weder Anerkennung noch Beifall dafür. Man hat Gott zu dienen, nicht den Menschen.  


 

 

 "Eine neue Welt ist geboren. Gegenwärtig sind wir mitten in der Übergangsperiode, in welcher beide sich ineinander verschränken: Die alte Welt besteht noch in all ihrer Macht, beherrscht das gewöhnliche Bewusstsein, aber die neue schleicht sich ein, so bescheiden und unaufdringlich, dass sie für den Augenblick wenigstens äußerlich nicht sehr viel verändert... Aber sie arbeitet, sie wächst, bis auf den Tag, an dem sie stark genug ist, sich augenfällig zu behaupten."

 


 

Als Mutter 1968 von einem Radiointendanten im Rahmen einer "spektakulären Sendung" als Krönung um die Reminiszenzen ihres Lebens in Indien gebeten wurde, antwortete sie ihm auf ihre unnachahmlich ironische Art: "Die Reminiszenzen sind kurz. Ich kam nach Indien, um Sri Aurobindo zu begegnen. Ich blieb in Indien, um mit Sri Aurobindo zu leben. Als er seinen Körper verließ, fuhr ich fort, hier zu leben, um sein Werk weiterzuführen: d.h. der Wahrheit zu dienen und die Menschheit zu erleuchten, um die Herrschaft der Göttlichen Liebe auf der Erde zu beschleunigen."

 

Beider Biografien sind z.B. hier und hier nachzulesen. 

 

 

"Bevor sie stirbt erhebt sich die Lüge mit ihrer ganzen Macht. Aber die Leute verstehen nur die Lektion der Katastrophe. Muss sie eintreten, damit sie ihre Augen für die Wahrheit öffnen? 

Ich verlange eine Anstrengung von allen, damit diese nicht nötig ist. Nur die Wahrheit kann uns retten: Wahrheit in den Worten, Wahrheit in den Handlungen, Wahrheit im Willen, Wahrheit in den Gefühlen."

 


Sri Aurobindo und Mutter ging es darum, uns den Vorgang der Transformation zu ermöglichen; ihrem Beispiel zu folgen und die Chance zu ergreifen, bewusst aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt auszutreten und in etwas vollkommen Neues überzugehen. Dafür hatten sie sich freiwillig in einen menschlichen Körper begeben, ihn studiert und gelitten.

Mutter hat während der Transformation ihres menschlichen Körpers manche für den menschlichen Intellekt schwer verständliche Erkenntnisse Sri Aurobindos aufgegriffen, noch einmal ausführlich und in so einfachen Worten wie möglich erläutert und in Beziehung zur Transformation im alltäglichen Leben gesetzt. Sie wollte, dass jeder verstand.  

Sri Aurobindos und Mutters Schriften je nach Neigung und Umfang zu studieren, ist unerlässlich. Man muss jedoch bei beiden bedenken, dass ihre Aussagen zu einem Thema sich im Laufe der Jahre manchmal veränderten und widersprüchlich erscheinen. Das liegt an der sich entwickelnden Wahrnehmung, die sich während einer spirituellen Reife über unsere fünf Sinne hinaus immer mehr ausweitet, bis zu dem Moment, wo absolut alles als dem Göttlichen zugehörig miteinbezogen wird. Dann erst versteht man diese scheinbaren Gegensätzlichkeiten, die alle zu ihrer Zeit ihre Berechtigung haben und Wahrheit sind. Liest man die Agenda, kann man diesen Prozess wunderbar erkennen und mitvollziehen. 

Ein reines "Diskutieren über" ist hinderlich, wenn man den Weg praktisch beschreiten will. Denn unser Mental tut nichts lieber als das und drückt sich damit gern um Stillwerden, Hingabe und Tun herum. Geht es um die Aktion selbst muss es entweder mitarbeiten und sich unterordnen oder abdanken. Andernfalls steht es im Weg, verhindert das Fließen des Supramentalen Bewusstseins oder verzerrt es, wie ein unreiner Filter.  

 

Avatare und ihre Aufgabe

Unter Avatar versteht man das Göttliche, das freiwillig auf der Erde einen menschlichen Körper annimmt, um eine bestimmte Arbeit im Rahmen der Evolution zu tun. Sei es in evolutionären Krisen oder um die Menschheit auf eine neue Bewusstseinsstufe anzuheben:

"Der avatār hätte keine große Bedeutung, wenn er nicht mit der Evolution verbunden wäre. Die hinduistische Reihe der zehn avatāra ist gleichsam in sich eine Parabel der Evolution. Zuerst der Fisch-avatāra, dann das Amphibientier zwischen Land und Wasser [die Schildkröte], dann das Landtier [der Eber], dann der Mann-Löwe, der die Brücke zwischen Mensch und Tier schlägt, dann der Mensch als Zwerg, klein und unentwickelt und ganz physisch, doch die Gottheit in sich bergend und vom Dasein Besitz ergreifend; es folgen die rajasischen, sattvischen und nirguṇa-avatāra [die unpersönlichen avatāra], welche die menschliche Entwicklung vom vital-rajasischen zum sattvisch-mentalen Menschen und schließlich zum obermentalen Übermenschen führen. Krishna, Buddha, Kalki stellen die drei letzten Stadien dar, die Stadien der spirituellen Entwicklung – Krishna öffnet die Möglichkeit des Obermentals, Buddha versucht, zur höchsten Befreiung in das Jenseitige emporzuschießen – diese Befreiung jedoch ist noch negativ und wendet sich nicht zur Erde zurück, um die Evolution im positiven Sinn zu vollenden; Kalki gleicht dies aus, indem er das Königreich des Göttlichen auf die Erde bringen und die sich widersetzenden asurischen Kräfte vernichten wird. Das Fortschreiten ist deutlich und unwiderlegbar.

Was die Leben anbelangt, die zwischen den Leben der avatāra liegen, so darf man nicht vergessen, dass Krishna von vielen Leben in der Vergangenheit spricht, nicht nur von einigen höchsten, und dass er, obgleich er sich als das Göttliche bezeichnet, an einer Stelle von sich als vibhūti spricht, vṛṣṇīnāṃ vāsudevaḥ. Wir können daher beinahe annehmen, dass er sich in vielen Leben als ein vibhūti ( = göttliche Macht, eine göttliche Macht im Menschen; eine verkörperte Welt-Kraft; ein Führer der Menschen) und das vollere Göttliche Bewusstsein verbarg. Wenn wir davon ausgehen, dass es das Ziel des avatars ist, die Evolution zu lenken, dann ist es durchaus verständlich, dass das Göttliche in den großen Übergangsstadien als avatar erscheint und als vibhūti, um die kleineren Übergange zu stützen." (Sri Aurobindo, Briefe über den Yoga 1) 

 

Die Mutter bezeichnete Sri Aurobindo als Verkörperung der Göttlichen Mutter:

"Aditi – die Mutter. Aditi ist zugleich und unteilbar das Bewusstsein, die Kraft und das Ananda ( = Seligkeit, Entzücken, Glückseligkeit, spirituelle Ekstase; das essentielle Prinzip des Entzückens; ein Selbst-Entzücken, aus dem die eigentliche Natur des transzendenten und unendlichen Daseins besteht) des Höchsten; sie ist die Mutter, seine lebende Dynamik, die höchste Liebe, Weisheit, Macht. ...

Der Wahrheit der Dinge entsprechend ... werden die Welten aus dem göttlichen Bewusstsein hervorgebracht, aus Aditi, der Göttin des unendlichen Seins, der Mutter der Götter, dem unteilbaren Bewusstsein, dem Licht, das kein Makel befallen kann." 

Auch sie war in unzähligen Rollen immer wieder inkarniert. Die christliche Welt kennt sie als Mutter Maria. 

 

Sri Aurobindo gilt als einer der Avatare, wie Jesus Christus. Sie taten beide ihre Arbeit von vielen Menschen unerkannt oder angezweifelt. Man muss aus der Exklusivität der eigenen Religion heraustreten und die lebendige Wahrheit hinter allen suchen. Die Annahme, es habe nur einen "Sohn Gottes" gegeben, kann auf dem Weg zur Göttlichen Vereinigung ein Hindernis darstellen: Gott ist alles, was existiert. Es gibt nur Ihn, in unzähligen Stadien der Verwirklichung begriffen innerhalb Raum und Zeit. Solange wir die Aktion oder Erkenntnisse anderer Avatare ausklammern oder gar ablehnen, können wir Ihn in Seiner Ganzheit nicht erkennen und behindern die Einswerdung.    

 

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