Die Welt der grausamen Masken bricht auf

 

 

Lass dich von den Krummheiten der Welt nicht abstoßen; die Welt ist eine verwundete und giftige Schlange, die sich in einer ihr bestimmten Häutung und Vollendung entgegenwindet. Warte ab, denn es ist eine göttliche Wette; und aus dieser Niedrigkeit wird strahlend und triumphierend Gott hervorgehn. 

Sri Aurobindo

 

Sri Aurobindo sagt uns, dass der Mensch ein Übergangswesen ist und dass aus all dem Elend und der Not dieser Welt ein Lichtwesen hervorgehn wird, fähig, das Göttliche zu offenbaren. 

 

Mutter 

(pixabay/reidy68) 

 

 

 

Der Anschein menschlicher Grausamkeit oder

der Schmerz der Lüge

 

Grausamkeit in all ihren Formen ist das, was auf dem Weg der Transformation am schwersten zu ertragen ist, denn Grausamkeit verursacht Schmerz. Man wähnt sich auf einem „spirituellen Pfad“, den man in erster Linie mit Liebe assoziiert, und fragt sich, weshalb man gegen das Empfinden von Schmerz, Leid und Grausamkeit in der auftretenden Form nicht geschützt ist, zumindest innerlich. Aber das entspringt unserer unbewussten Erwartungshaltung, basierend auf dem alten Weg, der die Transformation der Materie ausklammerte und in uns nachhallt. Auf ihm wichen die durchaus vorhandenen Läuterungsschübe durch die Verneinung der Materie einem Aufsteigen in immer lichtere Räume des Friedens und der Glückseligkeit, in denen man dann freudig verharren konnte.

Wird jedoch im Integralen Yoga die Materie zusätzlich aufgebrochen und geläutert, durchlebt man in Gemüt und Körper noch einmal den Schmerz der Bewusstseinsrückstände all der Gräuel, die wir auf dem Weg der Evolution durchlitten und verübten und im Unbewussten und Unterbewussten in der irdischen Materie unbemerkt zurückgelassen haben.  Momentan ist es, als wären alle Schwingungsmuster des irdischen Systems auf den Kopf gestellt und chaotisch vermengt worden. Nichts davon entspricht mehr der göttlichen Wahrheit von Freude und Liebe. Deshalb wird selbst die erste Berührung der reinen Göttlichen Macht von unseren Körperzellen als grausam und bis ins Mark erschütternd wahrgenommen. 

Grausamkeit als Ausdruck der allerhöchsten Liebe? Für unseren Vorstand und unsere gewöhnliche menschliche Empfindungsfähigkeit ungeheuerlich. Dennoch erfährt man auf dem Weg der körperlichen Transformation, dass der Körper sich zunehmend an die verabreichte "Dosis" des Supramentalen Lichts anpasst und die Blockaden, die unseren zu bearbeitenden Themen entsprechen, langsam abgeschmolzen werden. Immer öfter kommen wir in den Genuss, dass genau jene bestimmten Körperregionen für begrenzte Zeit eine Art Wonne verspüren. Das ist schwer in Worte zu fassen, denn es ist das Bewusstsein der Körperzellen selbst, das hier unmittelbar empfindet.  

 

Am meisten von allen Dingen auf der Erde hasste ich den Schmerz, bis Gott mir weh tat und mich quälte; da wurde mir enthüllt, dass Schmerz nur eine verdrehte und widerspenstige Form übermäßiger Wonne ist. 

 

Sri Aurobindo

 

Es braucht Zeit. Man begreift, weshalb diese Umwandlung so langwierig ist, in auf- und absteigenden Phasen verlaufen muss und von vermeintlichen Rückschlägen geprägt ist. Es sind die globalen Schwingungsmuster, die sich in diesen Zeiten mit unserem fragilen Körper verbinden, uns für kurze Zeit vollkommen vereinnahmen und über ihn erlöst werden müssen. Man ist immer wieder schockiert über den Widerstand und Unwillen, sich dem göttlichen Einfluss hinzugeben. Zumal all das Unerlöste in der Materie ständig auf unser Sein einwirkt und unser Verhalten beeinflusst. Das gilt für die gesamte Menschheit.

Vielleicht sind diejenigen, die uns als besonders grausam erscheinen, für all die Schwingungen der niederen Natur (noch) in besonderem Maße empfänglich? Und damit geraten sie zusätzlich unter den Einfluss der vitalen Welt.

 

Eine Naturkatastrophe kann großen Schmerz auslösen, wenn ein geliebter Mensch darin umkommt. Aber die Natur tut das nicht aus Grausamkeit.

Tiere töten fast ausschließlich, um ihr Leben zu verteidigen und sich zu ernähren. Abgesehen von wenigen Entartungen, die es in der Natur immer gegeben hat und geben wird. Manchmal auch dann, wenn sie mit Menschen zusammenleben und nicht ihrer Natur entsprechend gehalten werden. Manche Haustiere übernehmen nachweislich typisch menschliche Verhaltensweisen. Und das sind nicht immer gute. 

Grausam ist in erster Linie der Mensch, seit er ein Mental entwickelt hat, das kalkulieren, berechnen und manipulieren kann. Noch sind wir nicht viel mehr als ein "vernünftelndes Tier", das versucht, seinen unterschwelligen und offenen BeGIERden und Trieben eine wortreiche Rechtfertigung zu verleihen. Verborgen unter Begriffen wie Grundbedürfnis, Notwendigkeit, Demokratie, Menschenrechte und (... ?)-Werte, die aber keineswegs allen Menschen gleichermaßen zugestanden werden. Nach wie vor wirkt dahinter das Recht des Stärkeren, Mächtigeren, Wohlhabenderen und seiner "Wahrheit". Die Alphatiere haben menschliche Gestalt angenommen und blenden mit Raffinesse, aufgesetztem Altruismus und Eloquenz. 

Die globale Situation wird sich erst dann spürbar verändern, wenn der Mensch damit anfängt, sein wahres Inneres zu erforschen und sich auf den Willen des Göttlichen Bewusstsein auszurichten. ER allein kann uns schnellstmöglich aus der Misere herausführen und viele leidvolle Inkarnationen ersparen.  

 

Manche Menschen sind zu unvorstellbaren Gräueltaten und Perversionen fähig. Man kommt damit in Berührung, wenn man die Nachrichten liest. Jene, die einem erst dann in ihrer ganzen Brutalität bewusst werden, wenn man im Internet nach den wahren Hintergründen forscht. Sind es größere Auseinandersetzungen wie Kriege oder Terrorakte, haben sie  in unserem  Körper oft schon ihre Schatten vorausgeworfen, bevor sie passieren. Schreitet die körperliche Transformation fort, schlagen bereits kleine unbeabsichtigte "Grausamkeiten" anderer Menschen in Form von Worten und dahinterstehenden Beweggründen oder Begierden schmerzhaft ins eigene System ein. Man versteht es nur langsam, tappt viele Male aus Leichtsinn in dieselbe Falle.

Man verstrickt sich im Lärm des Alltags leicht im Außen. Sich bewusst unter den Schutz der Göttliche Führung zu stellen, erfordert eine permanente Konzentration, und das ist anstrengend.

 

 

***

 

 

Die Menschen in der Welt haben zwei Lichter: Pflicht und Grundsätze; wer aber zu Gott übergegangen ist, ist über beide hinaus und hat sie durch Gottes Willen ersetzt. Schmähen dich die Menschen deswegen, so kümmere dich nicht darum, o göttliches Werkzeug, sondern geh deinen Weg wie der Wind und die Sonne, belebend und zerstörend. 

 

Sri Aurobindo

 

 

Niemand kann diese Überempfindlichkeit nachvollziehen, der nicht in derselben Lage ist. Oft ist das eines der ersten Symptome auf diesem Weg: Eine starke Übersensibilität im Alltag und bestimmten Menschen gegenüber, was an der Weitung unseres Bewusstseins und der damit einhergehenden tieferen Wahrnehmung liegt. Man muss lernen, sich von jeder menschlichen Meinung unabhängig zu machen und um sich herum einen spirituellen Schutzraum aufbauen. Man hat auf diesem Weg genug mit Zweifeln zu kämpfen: jenen, die aus der Materie in einem selbst aufsteigen und solchen, die durch die Skepsis anderer auf einen geworfen werden. 

Und: Man sollte so bald als möglich die zurückgezogene und allein auf das Göttliche konzentrierte Beobachterrolle einnehmen. Da man jegliche Negativität in zunehmendem Maße und mit dem ganzen Körper wahrnimmt, neigt man in der Übergangszeit als Gegenreaktion verstärkt zum Kritisieren und "Missionieren". Auch, wenn es zuweilen vorkommt, dass das Wahrheitsbewusstsein in einem selbst dem Gegenüber bewusst einen Schlag versetzt. Man muss lernen, das zu unterscheiden und nicht als Ausrede zu nutzen. 

Eine Schülerin der Mutter klagte einmal beschämt, dass sie die Menschen nicht mehr so mitfühlend und liebevoll wahrnehmen könne wie zu Anfang ihres spirituellen Strebens. Sie würde von deren Verhalten regelrecht abgestoßen und angewidert. Mutter beruhigte sie, dass dies eine typische Übergangsphase sei und riet ihr, so schnell wie möglich in ihrer Sadhana voranzuschreiten, um darüber hinauszuwachsen. Das kann aus eigener Erfahrung bestätigt werden. Gerade, wenn unser Gegenüber versucht, uns mit Worten zu manipulieren oder unter Druck zu setzen, die keineswegs seinen wahren, darunter verborgenen Beweggründen entsprechen, kann man sich manchmal schwer beherrschen. Was nicht verwundert, da wir von einem Wahrheitsbewusstsein geläutert und durchdrungen werden. 

Wir verstehen dieses vertiefte Empfinden lange nicht, es tritt schleichend auf. Es geschieht uns. Oder besser gesagt in uns, über unser ganzes System einschließlich des erwachenden Bewusstseins der Körperzellen und weit in andere Dimensionen hinein und wieder zurück, die sich unserer Wahrnehmung bislang entziehen. Je weiter man voranschreitet, umso weniger weiß man. Man erfährt und wird.

 

"Ich hatte Gelegenheit, das zu studieren. Für mich bewegen sich alle Umstände, Charaktere, Ereignisse und Wesen gewissen "Gesetzen" gemäß, wenn man so sagen darf, die nicht starr sind, die ich aber wahrnehme und die mich erkennen lassen: "Dies wird dazu führen und jenes dazu, und weil dieser so ist, wird ihm jenes zustoßen usw." Das wird immer deutlicher. Wenn es nötig wäre, könnte ich deshalb Dinge voraussagen. Aber die Ursache-Wirkung-Beziehung in diesem Bereich ist für mich ganz offensichtlich und durch die Fakten bestätigt. Für jene, die nicht diese Schau und dieses Bewusstsein der Seele haben, wie Sri Aurobindo sagt, entfalten sich die Umstände anderen, oberflächlichen Gesetzen gemäß, die sie als die natürlichen Konsequenzen der Dinge betrachten – rein oberflächliche Gesetze, die einer tieferen Analyse nicht standhalten. Da ihre innere Fähigkeit aber nicht ausreicht, stört sie das nicht, und es erscheint ihnen logisch.

Dieses innere Wissen kann sie nicht überzeugen, das erfahre ich fast täglich. Wenn ich nämlich im Zusammenhang mit irgendeinem Ereignis sehe: "Das ist doch völlig klar (für mich): ich sah darin die Kraft des Herrn am Werke, ich sah, wie sich die Sache entwickelte, und alles weitere ergibt sich daraus", dann ist das für mich glasklar. Aber ich sage nicht, was ich weiß, weil es in ihrer Erfahrung keine Entsprechung findet und ihnen deshalb als Hirngespinst oder Anmaßung erscheint. Wenn man die Erfahrung nicht selbst hat, ist die Erfahrung eines anderen nicht überzeugend, sie kann einen nicht überzeugen." (Mutter, Agenda, 29. Mai 1965)

 

Langsam, aber unaufhaltsam, wachsen auch wir während der Supramentalen Transformation in dieses wahre Wissen hinein. Sprechen wir darüber, werden wir nicht verstanden oder mitleidig belächelt. Man lernt, schweigend seinen Weg zu gehen. Nicht zuletzt deshalb gab Mutter ihren Schülern den Rat, sich nicht auf Menschen zu stützen. Nicht nur, dass wir sie damit unter Umständen überladen und provozieren, wir werden selbst immer wieder enttäuscht und verunsichert, weil wir zumeist mit Skepsis konfrontiert werden.  

 

Satprem: Ich habe zwei Sachen hier. Die eine ist etwas sarkastisch und kurz, die könnte als "A Propos" im nächsten Bulletin dienen. Und noch etwas habe ich da, das du, wenn du es überarbeitest, für die "Notizen auf dem Weg" verwenden kannst.

Das "A Propos" ist kurz und bündig (Satprem liest):

 

"Der Arzt empfiehlt, sich nicht zu überanstrengen. Was aber ermüdet einen? – Nur das Nutzlose.

Aufrichtige Menschen zu sehen, denen dies wohltut, ermüdet in keiner Weise.

Diejenigen hingegen, die nur kommen, um Theorien oder Praktiken zu beurteilen, die sich in ihrer Intelligenz für sehr erhaben halten und für fähig, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, und die vermeinen, beurteilen zu können, ob eine Lehre wahr ist und eine bestimmte Praktik mit der Höchsten Wirklichkeit übereinstimmt, diese sind allerdings sehr anstrengend, und sie zu sehen, ist zumindest nutzlos ..."

 

Oh, das verstehe ich. Ich verstehe sehr gut, was du damit sagen willst!

 

(Mutter lacht) Ich dachte, dass dies eine interessante kleine Botschaft abgeben könnte.

 

Oh, ich habe eine Menge Leute dieser Art gesehen, weißt du...

 

"... Diese höheren Intelligenzen mögen ihrem kleinen Pfad folgen, was Jahrtausende dauern wird, und mögen sie die einfachen Leute und die Leute guten Willens, jene, die ihren Glauben in die göttliche Gnade setzen, in Ruhe auf ihrem Pfad des Lichts fortschreiten lassen."

 

(Agenda, 28. August 1968)

 

 

Unser Verstand will für lange Zeit verstehen, was mit uns passiert. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt lockert er seinen Griff und stellt sich williger in den Dienst des Göttlichen Bewusstseins. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, kann ein anhaltendes "Verkopfen" zu verstärkten Hitzeschüben, Schwindelgefühl und Kopfschmerzen führen.

Das seelische Wesen hingegen lässt uns spontan handeln, zum perfekten Zeitpunkt und auf die bestmögliche Weise.

Gleichzeitig erfährt man, je besser die anhaltende Konzentration auf das Göttliche gelingt und je weiter die Transformation fortschreitet, dass man stabiler wird gegenüber äußeren Einflüssen. Dieser unbewegliche, starre Rest unseres Systems wird mehr und mehr an der Oberfläche wahrgenommen und die Schmerzhaftigkeit der Läuterungsschübe nimmt ab.  Mutter verglich diesen Rest unserer äußeren Person als eine Art "Rindenstück", das übrigbleibt. Darunter hat sich tatsächlich etwas Neues, Weites, Flexibles gebildet, das sich nirgendwo mehr reibt. In seinem Zentrum das seelische Wesen, um das herum sich unser neuer Körper bildet. 

Auch das, was uns bislang so grausam erschien, nehmen wir aus der Distanz beobachtend mit zunehmender Gelassenheit hin, da wir es als evolutionäre Übergangssymptome erkennen und wissen, dass hinter allem das Göttliche Bewusstsein am Werk ist. Wir haben Sri Aurobindos und Mutters Versprechen, dass es aus der Schöpfung "verschwinden" wird.  

 

 

Was liegt unter dieser grausamen Entstellung? 

 

Im Verlauf der Supramentalen Transformation kommt man mit den ureigensten Antrieben allen Lebens in Berührung. Selbst für Sri Aurobindo waren Gemeinheit und Grausamkeit eines der Dinge, die er am wenigsten ertragen konnte. Wo liegt ihr Ursprung? 

Folgende Unterhaltung vom 18. Juli 1961 aus der Agenda zwischen Mutter und Satprem wird hier umkommentiert wiedergegeben:

 

Satprem: Es heißt dort, Sünde sei das, was nicht mehr an seinem Platz ist. Aber hatte zum Beispiel die Grausamkeit je "ihren Platz“?

 

Mutter: Genau, was ich mich gerade fragte – ich empfange immer alle Fragen der Leute.

Sofort ergibt sich die Frage: Wenn jemand zum Beispiel aus Grausamkeit tötet oder Leid zufügt, war das je an seinem Platz? ... Trotzdem ist es ein Ausdruck des Göttlichen (wir kehren immer zu diesem Punkt zurück), aber in seiner Erscheinung entstellt. …

Sri Aurobindo sagte stets, die Grausamkeit wäre eines der Dinge, die ihm am meisten zuwider waren, aber er sagt, es ist die Entstellung einer Intensität, man könnte fast sagen, die Entstellung einer Intensität der Liebe: Etwas, das sich nicht mit Mittelmäßigem zufrieden gibt, sondern Extreme sucht – das ist gerechtfertigt. Nur führt es dann zu einer Entstellung: das Bedürfnis nach äußerst starken Empfindungen.

Mir war immer klar, dass die Grausamkeit, wie der Sadismus, das Bedürfnis nach extrem gewalttätigen Empfindungen ist, um eine dicke Schicht von Tamas [Anm: das Prinzip der Trägheit und Dunkelheit, von der v.a. unsere Materie bestimmt wird] zu durchdringen, die nichts fühlt – es erfordert das Extreme, um vom Tamas verspürt zu werden. Mir wurde zum Beispiel immer gesagt (besonders in Japan), dass die Leute des Fernen Ostens physisch sehr tamasisch sind. Insbesondere die Chinesen sind eine Rasse, der man nachsagt, sie würde vom Mond stammen, das heißt, sie wären die Nachkommen der Mondbewohner, die sich auf die Erde flüchteten, bevor der Mond erkaltete (deshalb haben sie so runde Gesichter und solche Augen) ... (lachend) So geht jedenfalls die Geschichte! Und sie sind äußerst tamasisch: Ihr Empfindungsvermögen fehlt beinahe gänzlich, und sie brauchen fürchterliche Dinge, damit sie es fühlen! Weil das bei ihnen so ist, wenden sie das natürlich auch auf alle anderen an, und deshalb haben sie diese unvorstellbare Grausamkeit. Nicht alle, aber das ist zumindest ihr Ruf! Kennst du das Buch von Mirbeau (ich glaube, so heißt er)? Ich las das vor sechzig Jahren: etwas über die chinesischen Foltermethoden.

 

Ja, es ist berühmt.

 

 Es ist bekannt.

 

Aber die Chinesen haben auch große Künstler.

 

Das stimmt. Ich las dieses Buch, es ist sehr gut geschrieben. Und dabei verstand ich, warum das so ist. Als ich nach Japan kam, wurde das auch bestätigt: Viele Japaner haben ebenfalls ein sehr gedämpftes Empfindungsvermögen ("gedämpft" heißt, dass es sehr gewaltsame Empfindungen erfordert, damit sie etwas fühlen). Vielleicht liegt die Erklärung in dieser Richtung?

Am Ursprung bleibt aber stets das Problem, das noch nie gelöst wurde: "Warum ist es so geworden? Warum diese Entstellung? Warum ist all das entstellt worden?..." Dahinter liegen sehr schöne Dinge, sehr intensive, unendlich mächtiger, als wir überhaupt ertragen können – wunderbare Dinge. Aber warum ist all das so ... schrecklich geworden? Das ist der Punkt – ich hatte gesagt, ich fühle keine Inspiration, weil sich sofort dieses Problem stellt. ...

Der Begriff der Sünde ist etwas, das ich nicht verstehe und nie verstehen konnte. Die Ursünde erschien mir immer als eine der monströsesten Ideen, die die Menschen je ersinnen konnten. Die Sünde und ich passen nicht zusammen! Deshalb stimme ich Sri Aurobindo natürlich voll bei, dass es keine Sünde gibt – das ist selbstverständlich, aber...

Manche Dinge kann man als "Sünde" bezeichnen, wenn man will, wie zum Beispiel die Grausamkeit, und dafür sehe ich nur folgende Erklärung: Es ist eine Entstellung des Empfindungsvermögens oder des Bedürfnisses äußerst intensiver Empfindungen. Ich habe bemerkt, dass grausame Menschen in diesen Augenblicken ein Ananda erleben: sie verspüren eine intensive Freude. Für sie ist das die Rechtfertigung. Nur ist dies eine solche Entstellung, dass es widerwärtig ist.

Aber die Idee, dass die Dinge nicht an ihrem Platz sind, begriff ich schon von klein auf. Die Erklärung dafür bekam ich dann bei Théon, denn in seinem kosmologischen System erklärte er die aufeinanderfolgenden Pralayas* der verschiedenen Universen damit, dass sich mit jedem Universum ein bestimmter Aspekt des Höchsten manifestiere. Jedes Universum würde auf einem bestimmten Aspekt des Höchsten beruhen, und jedes würde schließlich wieder in den Höchsten zurückgegeben. (Er gab die verschiedenen Aspekte an, die sich der Reihe nach manifestiert hatten, und die Logik ihrer Reihenfolge war bemerkenswert! Irgendwo habe ich das notiert, aber jetzt weiß ich es nicht mehr.) Ich erinnere mich nicht genau, das wievielte es jetzt ist, aber diesmal wäre es dasjenige Universum, das nicht mehr zurückgezogen würde und einen nahezu endlosen Werdensfortgang verfolgen könnte. Dieses Universum stand unter dem Zeichen des Gleichgewichts – kein statisches, sondern ein fortschreitendes Gleichgewicht.** Gleichgewicht bedeutet (so erklärte er), dass jedes Ding an seinem Platz ist: Jede Schwingung, jede Bewegung hat ihren Platz. Und weiter unten hat jede Form, jede Tätigkeit, jedes Element einen genauen Platz in Beziehung zum Ganzen.

Das fand ich sehr interessant, weil Sri Aurobindo genau dasselbe sagt: Es gibt nichts eigentlich Schlechtes, sondern die Dinge sind einfach nicht an ihrem Platz – nicht nur bezüglich des Raumes, sondern auch in der Zeit –, an ihrem universellen Platz, ihrem Platz im Universum, angefangen bei den Welten, den Sternen usw.: jedes Ding genau an seinem Platz. Wenn jedes Ding, vom unermesslichsten bis zum mikroskopischsten, dann genau an seinem Platz ist, wird das Ganze in FORTSCHREITENDER Weise den Höchsten ausdrücken, ohne zurückgezogen werden zu müssen, um erneut hervorgebracht zu werden. Hierauf begründete Sri Aurobindo auch die Tatsache, dass in dieser Schöpfung, im gegenwärtigen Universum, die Vollkommenheit einer göttlichen Welt manifestiert werden kann – was er das Supramental nannte.

Das wesentliche Gesetz dieser Schöpfung ist das Gleichgewicht, und dies ermöglicht die Verwirklichung einer Vollkommenheit in der Manifestation.

 

Im Zusammenhang mit diesem Gedanken der Dinge, die "an ihrem Platz" sind, kam mir eine andere Frage: Welche Dinge wird die supramentale Kraft bei ihrer Herabkunft als erstes aus dem Weg räumen wollen?

 

Was sie als erstes aus dem Weg räumt?

 

Ja, sowohl individuell als auch kosmisch – damit alles an seinem Platz ist.

 

Wird sie irgend etwas "aus dem Weg räumen"?... Wenn wir Sri Aurobindos Gedanken annehmen, wird sie die Dinge einfach an ihren Platz stellen, mehr nicht.

Eines wird notgedrungen aufhören, und zwar die Entstellung, das heißt der Schleier von Lüge über der Wahrheit, denn das ist verantwortlich für alles, was wir hier sehen und was hier existiert. Wenn man diesen Schleier entfernt, werden die Dinge automatisch völlig anders sein: sie werden so sein, wie wir sie empfinden, wenn wir aus diesem entstellten Bewusstsein herauskommen. Wenn man dieses Bewusstsein verlässt und in das Wahrheitsbewusstsein eintritt, wundert man sich sogar, dass es Dinge wie Leiden, Elend und Tod überhaupt geben kann. Man ist erstaunt, spürt, dass ... man begreift nicht, wie das vorkommen kann (wenn man wirklich die andere Seite erreicht hat). Während dieser Bewusstseinszustand gewöhnlich mit der Erfahrung der Unwirklichkeit der Welt, wie wir sie kennen, verbunden ist, sagt Sri Aurobindo, dass für das supramentale Bewusstsein die Wahrnehmung der Unwirklichkeit der Welt nicht erforderlich ist: Es ist nur die Unwirklichkeit der Lüge und nicht die der Welt. Das ist äußerst interessant. Es bedeutet, dass die Welt eine UNABHÄNGIGE Wirklichkeit hat, unabhängig von der Lüge.

Ich vermute, dies wird die erste Auswirkung des Supramentals sein – vielleicht auch die erste Auswirkung im Individuum, denn dort wirkt es zuerst.

Dieser Bewusstseinszustand [wenn der Schleier der Lüge verschwindet] muss wahrscheinlich zu einem dauernden Zustand werden, doch dann stellt sich ein Problem: Wie kann man eine Verbindung mit der gegenwärtigen entstellten Welt bewahren? Denn eines habe ich bemerkt: Wenn dieser Zustand in mir sehr stark ist – so stark, dass er allem, was ihn von außen bombardiert, widersteht –, dann verstehen die Leute KEIN WORT von dem, was ich sage! Folglich scheint das eine wirksame Verbindung zu unterbrechen.

Wie würde eine kleine supramentale Schöpfung als Handlungszentrum, das auf die Erde ausstrahlt, aussehen? (Um nur die Erde als Beispiel zu nehmen.) Wäre das möglich? ... Ein Zentrum einer übermenschlichen Schöpfung ist durchaus vorstellbar – übermenschlich, das heißt, Individuen, die Menschen waren und denen es durch die Evolution und Transformation (im eigentlichen Sinn des Wortes) gelang, die supramentalen Kräfte zu manifestieren. Ihr Ursprung bleibt aber menschlich, und deshalb besteht notgedrungen eine Verbindung: Selbst wenn alles transformiert ist, selbst wenn die Organe in Kraftzentren transformiert wurden, bleibt trotzdem ein menschlicher Rest, wie eine Färbung. Diese Übergangswesen, sagen die Überlieferungen, werden das Geheimnis der direkten supramentalen Schöpfung entdecken, das heißt, ohne den Vorgang der gewöhnlichen Natur benutzen zu müssen. Und durch sie werden die wirklichen supramentalen Wesen geboren werden, die notwendigerweise in einer supramentalen Welt leben müssen. Aber wie wird die Verbindung zwischen diesen Wesen und der gewöhnlichen Welt möglich sein? Wie kann man sich eine ausreichende Transformation der Natur vorstellen, damit diese supramentale Schöpfung der Erde stattfinden kann? – Ich weiß es nicht.

Natürlich wissen wir, dass es eine beträchtliche Zeit erfordern wird, damit etwas derartiges geschehen kann, und wahrscheinlich wird es Zwischenstufen, Grade geben, neue Fähigkeiten werden auftreten, die wir gegenwärtig nicht kennen oder uns nicht vorstellen können und die die Verhältnisse der Erde verändern werden. All das liegt mehrere Jahrtausende in der Zukunft.

Die Frage bleibt: Ist es möglich, sich dieses Raumbegriffs zu bedienen – ich meine den Raum auf der Erdkugel? Kann es einen Ort geben, wo der Embryo oder der Keim der zukünftigen supramentalen Welt geschaffen werden kann?

Was ich gesehen hatte ... Der Plan war in allen Einzelheiten erschienen, aber es ist ein Plan, der in seinem Geist und Bewusstsein überhaupt nicht dem entspricht, was gegenwärtig auf der Erde möglich ist (in seiner materiellen Manifestation basierte er jedoch auf den bestehenden irdischen Bedingungen). Es ist die Idee einer idealen Stadt, die der Kern eines kleinen idealen Landes wäre, das nur rein oberflächliche und äußerst belanglose Kontakte mit der alten Welt hätte. Das würde bereits eine ausreichende Macht voraussetzen (was nicht unmöglich ist), um einerseits einen Schutz gegen Aggressionen und Böswilligkeiten zu gewähren (das wäre der leichtere Teil) und andererseits gegen Infiltration und Vermischung ... Aber das wäre letztendlich vorstellbar. Vom sozialen, organisatorischen Standpunkt und aus Sicht des inneren Lebens sind dies keine schwierigen Probleme. Die Schwierigkeit liegt in den Beziehungen zu dem, was nicht supramentalisiert ist, um das Eindringen, die Vermischung zu verhindern, das heißt verhindern, dass dieser Kern in eine niedrigere Schöpfung zurückfällt – es ist ja eine Übergangszeit.

(Schweigen)

All jene, die über dieses Problem nachdachten, stellten sich immer einen abgelegenen, der restlichen Menschheit unbekannten Ort vor, wie eine Schlucht im Himalaja. Aber das ist keine Lösung. Das ist überhaupt keine Lösung.

Nein, die einzige Lösung ist die okkulte Macht. Aber das ... Das bedeutet, dass eine bestimmte Anzahl Individuen bereits eine sehr große Perfektion der Verwirklichung erreicht hat, bevor irgend etwas getan werden kann ... Wenn das machbar ist, wäre jedenfalls ein von der Außenwelt abgegrenzter Ort vorstellbar (ohne Verbindungen), wo alles genau an seinem Platz wäre – als Beispiel oder Vorläufer. Jedes Ding, jede Person, jede Bewegung ist genau am richtigen Platz, und zwar in einer aufsteigenden, fortschreitenden Bewegung ohne Rückfall (also genau das Gegenteil von dem, was im gewöhnlichen Leben geschieht). Das bedeutet natürlich eine Art Vollkommenheit und auch eine bestimmte Einheit. Es bedeutet, dass die verschiedenen Aspekte des Höchsten manifestiert werden können. Notwendigerweise würde eine außergewöhnliche Schönheit und vollkommene Harmonie herrschen. Und es gäbe eine ausreichende Macht, um die Naturkräfte fügsam zu halten: wäre dieser Ort zum Beispiel von zerstörerischen Kräften umgeben, so wäre der Schutz ausreichend, dass diese Kräfte keine Wirkung hätten.

All das erfordert eine sehr hochgradige Perfektion der Individuen, die etwas derartiges organisieren wollen.

(Schweigen)

Etwas ähnliches muss beim Erscheinen der ersten Menschen stattgefunden haben.

Weiß man eigentlich, wie die ersten Menschen entstanden, die erste mentale Verwirklichung? Weiß man, ob es einzelne Individuen waren oder Gruppen? Geschah es inmitten von anderen oder in der Abgeschiedenheit? – Ich weiß es nicht. Es könnte Entsprechungen mit der zukünftigen Schöpfung geben.

Es ist nicht schwer, sich in der Einsamkeit des Himalajas oder eines Urwaldes ein Individuum vorzustellen, das allmählich seine kleine supramentale Welt um sich herum gestaltet. Doch die Voraussetzung wäre dieselbe: Dieses Individuum müsste eine solche Vollkommenheit erreicht haben, dass seine Macht automatisch jedes Eindringen von außen verhindert.

 

Weil es notgedrungen Angriffen von außen ausgeliefert wäre?

 

Es müsste automatisch beschützt sein, das heißt, jedes fremde oder entgegengesetzte Element müsste ferngehalten werden.

Es werden ja solche Geschichten berichtet, von Menschen, die in einer idealen Einsamkeit leben. Das ist durchaus vorstellbar. Wenn man in Verbindung mit dieser Macht steht, sieht man deutlich, dass es ein Kinderspiel ist, sobald sie in euch ist! Es gäbe sogar die Möglichkeit, eine Ansteckung auf die umgebenden Schwingungen und Formen auszuüben, dass sie automatisch allmählich supramentalisiert würden. All das ist möglich – es liegt jedoch auf der Ebene des Individuums. Nehmen wir hingegen das Beispiel dessen, was hier stattfindet: Das Individuum bleibt mitten in all diesem Chaos – dort liegt die Schwierigkeit! ... Bedeutet diese Tatsache nicht die Unmöglichkeit, eine bestimmte Vollkommenheit der Verwirklichung zu erreichen? Aber auch der andere Fall, der Einzelgänger im Urwald, ist stets dasselbe: Ein Beispiel, das aber keineswegs beweist, dass der Rest folgen kann. Dahingegen würde das, was hier geschieht, bereits eine sehr viel weitreichendere Wirkung bedeuten. Irgendwann MUSS es geschehen – es muss geschehen. Die offene Frage bleibt: kann es gleichzeitig mit oder vor der Transformation des Individuums verwirklicht werden?

(Schweigen)

Die Verwirklichung unter diesen Bedingungen der Gemeinschaft oder Gruppe ist offensichtlich sehr viel vollständiger, umfassender und wahrscheinlich vollkommener als jede individuelle Verwirklichung, die auf der äußeren, materiellen Ebene immer, NOTGEDRUNGEN eng begrenzt ist, weil es sich nur um eine Seinsart, eine Manifestation handelt: nur ein mikroskopisches Schwingungsfeld wird berührt.

Vom Standpunkt der Leichtigkeit der Arbeit gibt es aber wohl keinen Vergleich!

(Schweigen)

Dann bleibt dieses Problem. All die Leute wie Buddha und die anderen erreichten ZUERST ihre Verwirklichung und traten danach wieder in Verbindung mit der Welt. So ist es sehr einfach. Aber für das, was ich beabsichtige, ist es vielleicht eine unerlässliche Voraussetzung, innerhalb der Welt zu bleiben, damit die Verwirklichung vollständig sein kann.

Das...

(Mutter bleibt lange in sich gekehrt und blickt in die Ferne)

Die ganze Zeit sehe ich Bilder! Keine Bilder, sondern lebendige Dinge, als Antworten auf Fragen. Gerade formte sich ein prächtiger Pfau (der Pfau ist das Symbol des Sieges). Er breitete seine Schwanzfedern aus, und darauf erschien eine Konstruktion, wie die eines idealen Ortes... Schade, dass man diese Welt nicht fotografieren kann! Wir brauchten genügend empfindliche Filme – Leute haben es versucht. Das wäre höchst interessant, denn es bewegt sich wie im Kino: das sind keine festgehefteten Dinge, es bewegt sich.

Was war jetzt deine Frage?

 

Ich glaube, du hast sie beantwortet!

 

Ich erinnere mich nicht mehr, ich war anderswo – unterwegs.

 

Ich fragte dich: Welche Arbeit wird deine Kraft oder die supramentale Kraft jetzt als erstes anfangen?

 

Ach ja.

 

Sie wird die Dinge an ihren Platz stellen?

 

Das weiß ich aus eigener Erfahrung, und je mehr diese Kraft sich bündelt, um so mehr geschehen die Dinge genau im Augenblick, wo sie geschehen sollen: Die Leute kommen genau, wenn sie sollen, oder tun genau das, was sie sollen. Die Gegenstände um mich herum ordnen sich, als ob ... völlig natürlich, genau an ihrem Platz. Und das reicht bis in die GERINGSTEN Einzelheiten. Gleichzeitig bringt das ein solches Gefühl der Harmonie, der Eurhythmie, der Freude – eine sehr lächelnde Freude in der Anordnung der Dinge, als würde alles freudig an dieser Neuorganisation teilnehmen. Man will zum Beispiel jemandem etwas sagen: Die Person kommt. Man braucht jenen anderen für eine Arbeit: Er erscheint. Man will etwas organisieren: Alle für die Organisation notwendigen Elemente finden sich zusammen. All das in einer Art Harmonie, die wunderbar ist, ohne ein Wunder zu sein! (Im wesentlichen ist es wirklich ganz einfach die innere Kraft, die auf ein Minimum von Hindernissen trifft, und deshalb passen sich die Dinge ihrer Wirkung an.) Das passierte mir sehr, sehr oft, und manchmal bleibt es stundenlang.

Es ist aber sehr empfindlich, wie ein äußerst empfindliches Räderwerk: Die geringste Kleinigkeit kann alles aus dem Gleichgewicht bringen. Hat zum Beispiel jemand eine schlechte Reaktion oder einen falschen Gedanken oder eine Vibration der Aufregung, der Beunruhigung oder ähnliches, so löst sich die ganze Harmonie auf. Für mich drückt sich das sofort durch ein körperliches Unbehagen aus, und zwar von einer ganz besonderen Art. Damit kommt die Störung: Man fällt wieder in das Gewöhnliche. Da muss ich sozusagen die Gegenwart des Herrn wiederherstellen und sie überall durchsetzen – manchmal gelingt das schnell, manchmal dauert es lange. Bei einigen etwas radikaleren Störungen dauert es länger.

Dieses Auge [eine Hämorrhagie] ist zum Beispiel das Ergebnis einer solchen Störung einer sehr dunklen Kraft, die jemand hereinließ – nicht absichtlich oder wissentlich, sondern aus Schwäche und Unwissenheit, die natürlich immer mit Begierde, Ego und all dem vermischt sind (ohne Begierde und Ego hätten diese Kräfte keinen Halt, aber das ist ja ein sehr verbreiteter Zustand). Jedenfalls war das sehr deutlich die Ursache, ich merkte es sofort. Manchmal kommt es so (Mutter legt die Hand an ihren Hals), wie ein schwarzer Schatten, der einen erwürgt. Innerlich ist man nicht einmal berührt! Wenn ich nicht auf die rein äußerliche Reaktion achtete, würde ich nicht einmal merken, dass etwas passiert ist (dies ist das Große Spiel). Aber die äußeren Zeichen sind augenblicklich: Eine halbe Stunde später hatte ich diese Hämorrhagie im Auge. Ich wusste, dass dies der Grund war, denn ich kämpfte gegen eine höchst unliebsame Störung. Oberflächlich betrachtet war die Ursache ... unbedeutend. Die Ereignisse, die man für schwerwiegend oder wichtig hält, sind nicht immer diejenigen, die die schlimmsten Folgen haben – im Gegenteil: manchmal ist es eine VÖLLIG UNBEDEUTENDE Störung der Lüge aus völlig unbedeutenden Gründen – was man allgemein als Dummheit bezeichnet. Aber das kommt daher, dass die gegnerischen Kräfte stets auf der Lauer sind, um bei der geringsten Bresche hervorzustürzen.

Das Unverständnis des Zweifelns (ein Zweifel, der stets von einer egoistischen Bewegung rührt) ist zum Beispiel sehr gefährlich. Sehr gefährlich. Man braucht nicht einmal im psychischen Bewusstsein zu sein, schon in einem erleuchteten vitalen Bewusstsein kann es euch nichts mehr anhaben – nur HIER, in diesem materiellen Gewimmel.

Ich sehe nicht, wie diese ganze Arbeit in der Einsamkeit des Urwaldes oder des Himalajas getan werden kann. Man läuft sehr leicht in Gefahr, in dieses sehr unpersönliche universelle Bewußtsein einzutreten, wo die Dinge alle relativ leicht sind – die materiellen Konsequenzen liegen so fern, weit unten! Sie haben keine große Bedeutung mehr. Man kann aber nur direkt handeln, wenn man DARIN lebt.

Zur Zeit wird mir jedenfalls keine Wahl gelassen – und ich versuche nicht, zu wählen: Die Dinge sind, was sie sind, wie sie sind. Und so, wie sie sind, muss die Arbeit getan werden. Die Art, wie die Arbeit zu tun ist, hängt vom Zustand der Dinge ab.

Aber es ist so schön, wenn diese Harmonie kommt! Verstehst du, man stellt etwas zusammen, ordnet Papiere, räumt eine Schublade auf, und alles singt, ist schön, freudig, leuchtend ... es ist so charmant! Alles, alles ist so. Das bemerke ich: alle materiellen Dinge, alle Tätigkeiten – zu essen, baden, alles –, alles ist in diesem Zustand charmant. Das ist so harmonisch! Es gibt keine Reibung. Man sieht ... Eine freudige, leuchtende Gnade manifestiert sich in allen, ALLEN Dingen, sogar in denen, die wir gewöhnlich für völlig bedeutungslos halten. Wenn sie sich aber zurückzieht, wird mit DENSELBEN Bedingungen, DENSELBEN Dingen, DENSELBEN Umständen alles mühselig, ärgerlich, langwierig, schwierig, anstrengend, uff!... Es ist so und so (Mutter dreht ihre Hand zur einen, dann zur anderen Seite, wie auf einem schmalen Grat), so oder so.

Das gibt einem das deutliche Gefühl, dass nicht die Dinge an sich zählen. Was wir "an sich" nennen, stimmt nicht! Das stimmt nicht, sondern es ist die Beziehung des Bewusstseins zu diesen Dingen. Das ist von großer Macht, denn im einen Fall berührt man etwas, und es zerbricht oder kommt zumindest falsch zu liegen, und im anderen ist es so schön: Es ordnet sich! Sogar die schwierigsten Bewegungen gelingen mühelos. Das bedeutet eine unglaubliche Macht! Und nur weil sie keine großartigen Auswirkungen zeigt, schreiben wir ihr keine Bedeutung zu – sie hat keine großartigen Auswirkungen. Es gibt gewiss begnadete Zustände, wenn man vor einer großen Schwierigkeit steht und plötzlich alle Macht besitzt, um damit fertig zu werden – das ja, das ist selbstverständlich. Aber dies hier ist nicht so, sondern es wirkt im alltäglichen Leben.

Neulich erlebte ich ein Beispiel davon: Jemand schrieb mir einen Brief in einer abscheulichen Verfassung, und es war mir unmöglich zu antworten, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich richtete einfach die Kraft darauf und blieb so (Geste der Hingabe an das Licht). Ich sagte: "Wir werden sehen." – Ich wusste, dass ich diese Person einige Stunden später treffen würde, und ich wusste nicht einmal, ob ich den Brief erwähnen sollte, das heißt, ich wusste nicht, ob das, was ich ihr sagen würde, davon beeinflusst sein würde. Ich wusste also wirklich nichts. Dann begegnete ich der Person: Am selben Morgen war ein unbedeutender Umstand eingetreten ... der alles veränderte! So wusste ich sofort, was ich sagen und tun musste, und alles richtete sich.

So geschieht es. Das ist nur EIN Beispiel. Ich erwähne es, weil es vorgestern war, aber das passiert ständig.

Deshalb habe ich mir angewöhnt, mich immer so zu verhalten (selbe Geste der Hingabe). Wenn sich ein Problem stellt, verhalte ich mich so, gebe es dem Herrn hin und lasse es. In dem Augenblick, wo die Lösung kommen soll, kommt sie – kommt in Tatsachen, in Taten, in Bewegungen.

Allerdings werde ich erst dann zufrieden sein (kann man je zufrieden sein?), jedenfalls werde ich erst dann anfangen zufrieden zu sein, wenn dies ein beständiger und vollständiger Zustand wird, das heißt, unter allen Umständen und in allen Augenblicken, Tag und Nacht. Ist das möglich ... bei dieser FLUT von Dingen, die mich ständig von außen befallen? Als ich heute morgen auf und ab ging, war ich ... wie ein Beobachter: Was da nicht alles für Dinge kamen! Eines nach dem anderen kam von außen, eine solche Mischung! Von allen Seiten, von allen Leuten, von allem. Und nicht nur von hier, sondern von weit, weit weg auf der Erde und manchmal von fernen Zeiten, aus der Vergangenheit: Vergangene Dinge, die sich präsentieren, um eingeordnet zu werden, um im neuen Licht gesehen und an ihren Platz gestellt zu werden. Es ist immer dies: Jedes Ding möchte an seinen Platz gestellt werden. Das ist eine ständige Arbeit ... Es ist, als bekäme man ständig neue Krankheiten, die es zu heilen gilt.

Jedesmal muss eine neue Störung geordnet werden.

Im Grunde sind wir sehr faul.

Ja, zu meinem großen Trost sah ich, dass Sri Aurobindo schrieb, er wäre sehr faul! – Wir sind sehr faul. Wir würden uns gerne (lachend) in Wonne der Früchte unserer Anstrengungen erfreuen!

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* Pralaya: die Zerstörung eines Universums oder das Ende eines Zyklus. In der hinduistischen Kosmologie beginnt jedes Universum mit einem "Zeitalter der Wahrheit" (Satya-Yuga), das allmählich zerfällt – wie die Sterne –, bis keine Wahrheit mehr bleibt und das "schwarze Zeitalter" einsetzt (Kali-Yuga), wie das unsrige, das mit einem Weltuntergang endet. Daraus entsteht dann ein neues Universum, und der Zyklus wiederholt sich. Dies würde einer modernen Entstehungstheorie entsprechen, die besagt, dass das Universum aus einem Urknall des "Ur-Eies" entstand. Anfangs streben die Galaxien auseinander, dann werden sie immer langsamer und fallen schließlich wieder zusammen, bis zur nächsten Explosion. Eine scheinbar endlose und ziellose Folge kosmischer Geburten – ähnlich unseren eigenen menschlichen Geburten –, die sich entwickeln, einen "Gipfel" erreichen, und dann wieder zusammenbrechen, um stets von neuem anzufangen. Laut Théon wäre unser gegenwärtiges Universum das siebente – doch wo ist der "Anfang"?

 

**  Die heutige Astronomie kennt zwei Theorien: die der endlosen Zyklen von Explosion-Ausdehnung-Zusammenfall und die einer unbegrenzten Ausdehnung nach dem Urknall (dem "Big-Bang"), die sich aber ebenso katastrophal annimmt, weil sich das Universum mit zunehmender Ausdehnung abkühlt und schließlich in einer kalten Unendlichkeit verliert – wie ein Geschoss, das von keiner Schwerkraft mehr zurückgehalten wird –, bis... bis was? Die Astronomen erklären, dass die genaue Konzentration der Materie im gegenwärtigen Universum bestimmt, welche der beiden Theorien zutrifft: Gibt es mehr als ein Atom pro 400 Liter Raum, so genügt die Schwerkraft, um die Ausdehnung allmählich zu bremsen und das Universum schließlich wieder zusammenfallen zu lassen, worauf sich der Zyklus mit einem neuen Urknall wiederholen würde. Bei weniger als einem Atom wäre die Materiedichte unzureichend, die Schwerkraft wäre zu schwach, um die Galaxien in ihrem unsichtbaren Netz zu halten, und alles würde sich bis in alle Ewigkeit ausdehnen – es sei denn, wir entdecken mit Mutter eine dritte Stellung, die des "fortschreitenden Gleichgewichts", in der sich die Materiedichte des Universums als eine Bewusstseinsmenge entpuppt und Ausdehnung wie Zusammenfall von Gesetzen des Bewusstseins bestimmt würden.

 

In einem Gespräch vom 15. Dezember 1962 griff Mutter die Aussagen zu den Pralayas noch einmal auf: 

"Nach Théon wurde die Welt sechsmal geschaffen und wieder zerstört – Schöpfung und Pralaya. Jedesmal manifestierte sich ein Merkmal, aber da sich dieses Merkmal nicht vervollkommnen konnte, wurde die Welt wieder "verschlungen". Jetzt sind wir in der siebten Schöpfung, deren Merkmal das Gleichgewicht ist. Wenn das Gleichgewicht etabliert worden ist, wird ein ununterbrochener Fortschritt stattfinden, natürlich ohne eine Störung des Gleichgewichts, das heißt ohne den Tod, ohne die Auflösung."

 

Mutter merkte an, dass unsere unbewusste Erinnerung bis zum Ursprung zurückreicht. Das heißt, dass unser evolutionäres Erbe jene der vorausgegangenen Welten und ihrer mehrmaligen vollkommenen Auslöschung miteinschließt. Das erklärt das Ausmaß des Schmerzes, mit dem man auf diesem Weg wieder in Berührung kommt. 

Eckart Tolle und andere Weisheitslehrer sprechen vom sogenannten ererbten "Schmerzkörper", den wir alle in uns tragen. 

 

 

Geht Hass der Grausamkeit voraus?

 

Hass kann lange im verborgenen schwelen und muss sich nicht immer in einer grausamen Tat entladen. Interessant ist jedoch wieder die Ambivalenz der ureigenst zugrunde liegenden Schwingungen. Versteht man diesen Zusammenhang, kann er helfen, ungesunde Beziehungsmuster aufzulösen:  

 

Hass ist das Zeichen einer geheimen Anziehung, begierig, vor sich selbst zu entfliehen und wütend darauf, ihr Vorhandensein zu leugnen. Auch das ist Gottes Spiel in seinem Geschöpf. 

 

Sri Aurobindo

 

Mutters Kommentar zu diesem Aphorismus: "Das bezieht sich auf eine gewisse Schwingung – die Schwingung, die man von Leuten empfängt, die hassen. Diese Schwingung ist grundsätzlich dieselbe wie die der Liebe. Zutiefst liegt dieselbe Empfindung. Obwohl es an der Oberfläche das Gegenteil ist, wird es von derselben Schwingung getragen. 

Und es ließe sich sagen, man ist dem, was man hasst, ebenso sehr versklavt wie dem, was man liebt – vielleicht sogar noch mehr. 

Das ist etwas, das einen packt und verfolgt und das man innig hegt; man hegt dies Gefühl, weil unter seiner Gewaltsamkeit eine ebenso große Wärme der Anziehung steht wie jene, die man für das empfindet, was man liebt. Diese Einstellung der Erscheinung gibt es nur im Treiben der Offenbarung, also ganz an der Oberfläche. 

Man wird von dem, was man hasst, noch mehr verfolgt als von dem, was man liebt. Und diese Verfolgung rührt von der inneren Schwingung her."

 

 

Den Sünder zu hassen ist die schlimmste Sünde, denn es bedeutet, Gott zu hassen; doch wer sie begeht, brüstet sich dazu noch mit seiner höheren Tugend.

 

Sri Aurobindo

 

 

Aus einem Kommentar dazu von Mutter: "Es ist wahrscheinlich, ja sogar sicher, dass diese Regungen von Widerwillen und Empörung so lange nötig sind, bis man selbst ganz und gar umgewandelt ist, damit man in sich selber das Gebotene tut, um ihnen die Tür zu verschließen; denn es geht ja darum, sie sich nicht bekunden zu lassen."

 


 

 

 

Sag mir, Freund,

wer bist du ... ? 

(pixabay/Gellinger) 

 

Für gewöhnlich fühlen wir uns spontan zu bestimmten Menschen hingezogen. Vielleicht, weil sie den Anschein machen, "auf unserer Wellenlänge" zu liegen?  Anschein deshalb, weil sich im Lauf der Zeit manchmal deutliche Unterschiede herauskristallisieren. 

Manchmal ist es genau andersherum: Wir finden jemand faszinierend, weil sie oder er etwas ausstrahlt, was uns fehlt oder die Person so ist, wie wir selbst gerne wären. 

Manchmal liegt eine sexuelle Anziehung vor, entgegen alle Vernunft.

U.v.m.

Wir haben andererseits eine natürliche Abscheu gegenüber Menschen, die gemein, manipulativ und grausam sind. Und manche sind uns einfach nur vollkommen "wesensfremd". Nie würden wir sie aufsuchen, wenn wir Probleme haben oder unser Herz ausschütten wollen.

Im Grunde wissen wir nicht wirklich, weshalb jemand mit uns inkarniert als Partner, Kind, Freund, Vorgesetzter etc. oder zu einem späteren Zeitpunkt in unser Leben tritt. 

 

Anziehung bis hin zu Abscheu ist eine evolutionäre Notwendigkeit, die Dinge wieder an ihren Platz zu bewegen. Über einen langen Zeitraum, so behutsam wie möglich, und doch so kompromisslos wie nötig. Solange alles gut verläuft und wir von netten Menschen umgeben sind, denken wir nicht darüber nach.

Aber irgendwann beginnt es zu schmerzen. Das Leben versetzt uns die ersten Schläge, um den tamasischen Panzer unserer äußeren Person aufzubrechen. Oft verstehen wir das nicht, grollen dem Mitmenschen, der uns vermeintlich verletzt hat, und ziehen uns zurück. Nicht ahnend, dass sich dahinter vielleicht ein seelisches Wesen verbirgt, das wir unendlich lieben, weil wir es bereits seit mehreren Inkarnationen kennen.

Wissen wir mit Sicherheit, dass wir beide nicht genau diese Situation zu diesem Zeitpunkt unseres Lebens verabredet haben? Und von welcher Art und Dauer diese Berührung sein soll? Könnte es sein, dass  uns der ungehobelte Geselle zeigen möchte, wie wenig wir bislang in der Lage sind, bedingungslos zu lieben? Können wir mit Sicherheit ausschließen, dass eine fortgeschrittene Seele in dieser Inkarnation bewusst die Rolle des Bösewichts übernommen hat, um anderen in ihrer eigenen Entwicklung zu helfen? Sind es dann nicht höchste Liebe und Mitgefühl und eines der größten Opfer, die man dem Göttlichen und der Menschheit darbringen kann ...? 

In der spirituellen Szene gibt es viele geflügelte Worte und Redewendungen. Eine davon ist, dass die unangenehmsten Menschen für uns oft das größte Geschenk bereithalten. Häufig spiegeln sie uns Eigenschaften, die wir in uns selbst noch nicht erlöst haben, weil wir dafür blind sind. Fast immer begreifen wir den Sinngehalt jener "Geschenke" erst viele Jahre später.

 

Auf dem Weg der Transformation, der unser eigenes göttliches Wesen von allen Schichten befreit, die einem Wiedererkennen und dem bedingungslosen Lieben aller Menschen im Weg stehen, kann es uns passieren, dass uns das für einen Moment gezeigt wird. Ist ein großer Teil unseres Egopanzers abgearbeitet, wird es für unser seelisches Wesen immer leichter, in den Vordergrund zu treten. Wenn das geschieht, gibt es in uns darüber nicht den geringsten Zweifel: Wir sind von reiner Liebe durchdrungen, die sich auf alles erstreckt, dem wir in dieser Zeit begegnen. Alle unsere niederen Empfindungen, Bedürfnisse und Begierden sind wie weggefegt. Das kann inmitten eines Einkaufszentrums passieren oder auf einer Autofahrt.  

Leben wir in unserem wahren seelischen Selbst, dann – und nur dann – sind wir in der Lage, es auch in unserem Gegenüber zu erfahren. Und so nehmen wir über hunderte von Kilometern plötzlich Seelenkontakt zu einem flüchtig bekannten Menschen auf, während wir mit unseren alltäglichen Handlungen fortfahren, als würde "dahinter" das Tor in eine andere Dimension geöffnet. Das kann einige Minuten, Stunden oder auch Tage andauern. Wir erkennen in ihm die vertraute Seele, während seine Oberflächenperson davon sehr wahrscheinlich nichts ahnt. Wir erkennen die individuelle Prägung seines psychischen Wesens, die sich über die Jahrtausende der Evolution herausgebildet und entwickelt hat.

Sehr oft steht sie in direktem Gegensatz zum Charakter seiner äußeren Person. Wie Mutter ausführte, deuten die größten Schwierigkeiten in uns auf das hin, was wir zu verwirklichen haben. So kann ein Mensch, der sich als "einsamer Wolf" auf sich selbst zurückgezogen hat, weil er sich von Kindheit an allein durchs Leben kämpfen musste und nun weltlichen Erfolg hat, jetzt eine entsprechende Selbstherrlichkeit, Rücksichtslosigkeit und Ungeduld gegenüber der "Unzulänglichkeit" anderer Menschen an den Tag legt und sie in ihrem Sein kaum wahrnimmt, in Wirklichkeit ein seelisches Wesen beherbergen, das von einer immensen Herzenswärme, Fürsorglichkeit bis hin zu einem Beschützerinstinkt geprägt ist. Dann wird es diese innere Qualität sein, die er in seinem Leben zu ent-wickeln hat. Er wird am Widerstand erstarken. 

Erfährt man solch eine seelische Berührung mit anderen, erlebt man eine absolut wärmende, umarmende Liebe im DU. Sie ist keineswegs "steril", "platonisches" oder rein vergeistigt. Und: Wir verlieren uns dabei nicht im anderen

Auch scheint es, als wäre unser neuer Körper weiterhin in der Lage, Umarmungen körperlich zu empfinden, ohne, dass wir uns äußerlich sichtbar berühren.  

 

Aber noch ist man auf dem Weg und nicht am Ziel. Werden die Schleier wieder gesenkt, erfährt man, wie sofort das Vital oder die sexuellen Begierden nach vorne kommen, alles überlagern und "vergiften".  Das kann für eine Weile einen heftigen Konflikt in uns auslösen. Besinnt man sich aufrichtig auf seinen Weg, geht er schneller vorbei.  

Doch der Blick auf die Welt ist ab diesem Zeitpunkt ein anderer. Man hat einen kurzen Einblick in die Zukunft erhascht. Man betrachtet die Menschen anders, besonnener, respektvoller, achtsamer und mit Ehrfurcht gegenüber ihrem inneren Wesen. Nicht, weil man darüber gelesen hat und es zu den yogischen Grundregeln gehört, sondern weil man es erfahren hat und weiß. Und eben das macht den Unterschied: Es liegt jenseits des aufgesetzten mentalen Bemühens und jeder vitalen Anziehung oder Sympathie: Man nimmt es sich nicht "im Kopf" vor, man lebt diese bedingungslose Liebe spontan. 

Und das entschädigt uns für die zunehmende Sensibilität unseres Körperbewusstseins, das gleichzeitig die überdeckenden Begierden und Glaubensmuster des Gegenübers empfindet. Waren wir nicht selbst für lange Zeit genauso davon bestimmt und arbeiten immer noch an ihrer vollkommenen Überwindung?

Das bedeutet nicht, dass wir Kontakt zu Menschen halten sollen, die uns nicht gut tun, solange die Transformation nicht abgeschlossen ist. Aber begegnet man wieder einmal einem unfreundlichen Zeitgenossen, sieht man mehr als nur seine äußere Person. Man "fühl-versteht",  was darunter liegt. Man steht nach wie vor zur Wahrheit, aber man lässt sich von der Fassade nicht mehr erschrecken. Man weiß, dass es der einzige erfolgversprechende Weg ist, zuerst das eigene seelische Wesen zu verwirklichen. Erst dann erkennen wir es in unserem Gegenüber, ungeachtet seiner äußeren Person. Erst dann sind wir fähig, ihn bedingungslos zu lieben. Denn das ist der natürliche Zustand unserer Seele. Die äußere Person ist nicht in der Lage, diese Liebe nachzuahmen. 

Und das können wir nicht aus eigener Kraft erreichen. Es erfordert die Berührung durch die Göttliche Gnade und die Transformation des Körpers, damit es von Dauer ist. Hier, in dieser Welt.  

 

In dem bekannten Bilderbuch "Ich bin das Licht! Die kleine Seele spricht mit Gott." hat Neale Donald Walsch auf wunderbare Weise versucht, das Phänomen der "grausamen Masken" zum Ausdruck zu bringen. Diese kleine Parabel sollte als Pflichtlektüre in die Schulen aufgenommen werden. 

(An dieser Stelle sei verwiesen auf die Kapitel über das Böse und den Vampirismus. Es ist möglich, wenn auch selten, dass wir es mit einem Vitalwesen zu tun haben. Diese gilt es unter allen Umständen zu meiden. Doch ist es sehr wahrscheinlich, dass man den Unterschied erkennt, sobald man ernsthaft einem spirituellen Pfad folgt.)

 

 

Was schauderst du vor einer Maske zurück? Hinter ihrem widerlichen, grotesken oder schrecklichen Anschein lacht Krishna über deinen törichten Ärger, deine noch törichtere Verachtung oder Empörung und deinen allertörichtesten Schrecken.

 

Sri Aurobindo

 

Sicherlich ist beim gegenwärtigen Zustand der Welt der Anschein noch sehr trügerisch; leibliche Schönheit ist nicht immer Zeichen einer schönen Seele, und ein hässlicher oder grotesker Körper mag ein Genie oder eine strahlende Seele verhüllen. 

Wer aber innerlich empfindungsfähiger ist, für den ist der Anschein nicht mehr trügerisch, und er kann die durch eine hübsche Gestalt verdeckte Hässlichkeit erkennen sowie die von einer Maske des Hässlichen verhüllte Schönheit. Es gibt auch Fälle – und sie werden immer zahlreicher – wo der Anschein die innere Wahrheit enthüllt, die damit für alle erkennbar wird. 

...

Eine Maske verbirgt, macht unsichtbar, was sie verdeckt; und wenn sie entstellt ist, macht sie nicht einfach nur unsichtbar, sondern verändert die Natur des Verdeckten völlig. Nach dieser Definition ist Dummheit also etwas, was die Wahrheit, die am Ursprung aller Dinge steht, bis zur Unkenntlichkeit verhüllt und verzerrt. …

Es kann keine völlige Falschheit geben. Das ist praktisch unmöglich, weil das Göttliche hinter allem steht. 

 

Mutter

 

 

Die Veränderung liegt in uns 

 

Wir haben im gewöhnlichen menschlichen Zustand nicht die geringste Ahnung, in wie viele Welten sich unser Innerstes erstreckt. Es sind unerforschte, unendliche Weiten und Dimensionen. Von dort kommen und geschehen die Veränderungen, die unser Bewusstsein umwandeln und die in das Außen, in die Welt hinaus, wirken. Das ist es, was Sri Aurobindo damit meinte, der Welt nicht zu entfliehen, sondern das Supramentale Bewusstsein in die äußere Welt hineinzubringen. In eine Welt, die keine Maya ist, sondern tatsächlich existiert, wie Mutter sagte.

Daher muss das Lügenhafte, das unsere Welt wie ein Bann überzieht, die evolutionären Auswirkungen durch die notwendige Entstehung von Vital und Mental bis hin zu ihrer jetzigen Entstellung, verschwinden. Sie verzerren die inneren Durchgaben. Weil dort nichts an seinem Platz ist, nichts in Harmonie ist und wir deshalb mit unserer Oberflächenperson überall nur Trennung und Gegensätze wahrnehmen und uns reiben. Wir denken im Entweder-oder, statt im Sowohl-als-auch. Die meiste Zeit leben wir nur in dieser äußeren, harten und dünnen Schicht, die unser seelisches Wesen geradezu erstickt. Wir haben immerzu das Gefühl, dass uns etwas fehlt, andere mehr haben, besser oder schlechter sind als wir, dass wir etwas verlieren, wenn wir geben und nichts zurückbekommen, u.v.m. 

Das Supramental ist in der Lage, diesen erstickenden Panzer aufzubrechen und zu transformieren in ein Instrument, das jeder Bewegung des Göttlichen in Harmonie mit der gesamten Schöpfung folgen kann. 

 

 

Erleiden deine unteren Teile immer noch die Erschütterung von Sünde und Kummer? Oben jedoch, von dir gesehen oder ungesehen, sitzt deine Seele königlich, ruhig, sieghaft und frei.

Glaube, über kurz oder lang hat die Mutter ihr Werk vollbracht und deines Wesens eigenste Erde in Freude und Reinheit verwandelt!

 

Sri Aurobindo

 

Was Sri Aurobindo hier Seele nennt, ist die Göttliche Gegenwart in jedem von uns; und die Gewissheit dieser dauernden Gegenwart soll uns über allen Schmerz trösten, indem sie uns vom endlichen Sieg überzeugt, der unausbleiblich ist. 

 

Mutte

 

 

Es war eine unendlich lange Reise nötig – sechs Pralayas, bis es für uns alle möglich wurde, aus unserem Panzer herauszutreten und das zu werden, was wir wirklich sind: Teil des Göttlichen Bewusstseins, das mit sich selbst Verstecken spielte, um sich in einer unendlichen Vielfalt im DU zu begegnen, sich wiederzuerkennen und endlich in Liebe zu umarmen. Ohne unsere individuelle evolutionäre Seelen-Prägung dabei zu verlieren. Wenn wir das wirklich alle glauben und als Tatsache anerkennen würden, gäbe es sehr bald keine Grausamkeit mehr. Wir würden uns gegenseitig dabei helfen und unterstützen,  die evolutionären Schlacken aus dem Urgrund der Materie so schnell wie möglich zu erlösen und das seelische Wesen zu verwirklichen, als das wir von Anbeginn der Zeit gedacht sind.      

Sämtliche körperlichen "Aufstiegsfantasien" der New-Age-Szene werden ein rein mentales Konstrukt und eine Wunschvorstellung bleiben, solange wir nicht die Supramentale Transformation bewusst durchlaufen.  

 

 

Was wiegen unsere Impulse und Begierden, Ängste und Gewalttätigkeiten, unsere Leiden und Kämpfe, all diese persönlichen Wechselfälle, die unsere ungeordnete Einbildungskraft ungebührlich dramatisiert — was wiegen sie gegen diese große, erhabene, göttliche Liebe, die sich aus der innersten Tiefe unseres Wesens über uns neigt und uns die Schwächen nachsieht, die Irrtümer berichtigt, die Wunden heilt und unser ganzes Wesen in ihren neubelebenden Fluten badet?

Die Gottheit im Innern drängt sich niemals auf, stellt nie einen Anspruch, droht nie; sie bietet sich dar, sie gibt sich selbst, verbirgt und vergisst sich im Herzen der Wesen und Dinge; sie tadelt keinen, urteilt, verwünscht und verdammt nie, sondern arbeitet unaufhörlich daran, ohne Zwang zu vervollkommnen, ohne Vorwurf wiedergutzumachen, ohne Ungeduld zu ermutigen und jedermann mit all den Schätzen zu bereichern, die er empfangen kann; sie ist die Mutter, deren Liebe gebiert und nährt, wacht und schützt, rät und tröstet; weil sie alles versteht, erträgt sie alles, entschuldigt und verzeiht alles, erhofft alles, bereitet alles vor.

Weil sie Alles in sich trägt, hat sie nichts, was nicht Allen gehört, und weil sie über Alle regiert, ist sie Dienerin von Allen; darum werden alle, ob groß oder klein, die mit ihr Könige und in ihr Götter sein möchten, gleich ihr keine Despoten, sondern Diener unter ihren Brüdern.  

 

Mutter

 

 

 

 

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Zuletzt bearbeitet: 8. Dezember 2018 


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