Mutter und Sri Aurobindo zur Ausübung des Yoga

 

Bevor sie stirbt, erhebt sich die Lüge mit ihrer ganzen Macht. Aber die Leute verstehen nur die Lektion der Katastrophe. Muss sie eintreten, damit sie ihre Augen für die Wahrheit öffnen? Ich verlange eine Anstrengung von allen, damit dies nicht nötig ist. Nur die Wahrheit kann uns retten: Wahrheit in den Worten, Wahrheit in den Handlungen, Wahrheit im Willen, Wahrheit in den Gefühlen. Man muss der Wahrheit dienen oder zugrundegehen.

 

Mutters Botschaft vom 26. November 1972

 

Mutter zu Aufrichtigkeit und wahrer Haltung in der Sadhana

 

Die Erläuterungen der Mutter haben, etwa 50 Jahre später, nichts an Aktualität eingebüßt. 

Im ersten Auszug geht es um die Schwierigkeiten in Auroville, die man als repräsentativ für die ganze Welt ansehen kann. Jeder hat seinen eigenen, anstrengenden und langen Weg zurückzulegen. Ob er die Sadhana in Indien, Russland, Indonesien, Deutschland oder Australien ausübt. 

Niemand erfährt wegen seiner Herkunft Begünstigungen und Intelligenz ist nicht das ausschlaggebende Kriterium für eine erfolgreiche Transformation. Deshalb hat man sich in Auroville denselben Schwierigkeiten zu stellen wie überall auf der Welt.  

 

Auszug aus einem Gespräch von Mutter mit einem Schüler über Auroville: 

 

"Eine absolut durchgehende Aufrichtigkeit ist notwendig. Der Mangel an Aufrichtigkeit ist der Grund für die gegenwärtigen Schwierigkeiten.

In allen Menschen gibt es Unaufrichtigkeit. Es gibt vielleicht kaum mehr als hundert Menschen auf Erden, die vollkommen aufrichtig sind. Die eigentliche Natur des Menschen macht ihn unaufrichtig, er ist sehr verworren, denn er ist andauernd dabei, sich selbst zu betrügen, sich die Wahrheit vorzuenthalten, sich zu entschuldigen. Yoga ist das Mittel, Aufrichtigkeit in allen Teilen des Wesens zu erzielen.

Es ist schwierig, aufrichtig zu sein, aber man kann es zumindest in mentaler Hinsicht tun, und soviel kann man von den Aurovillianern verlangen.

Die Kraft ist gegenwärtig wie nie zuvor, und nur die Unaufrichtigkeit der Menschen hindert sie daran, herabzukommen und empfunden zu werden. Die Welt lebt in Falschheit, alle menschlichen Beziehungen gründeten sich bisher allein auf Lüge und Täuschung. Die Diplomatie zwischen den Nationen basiert auf Lüge. Man gibt vor, den Frieden zu wollen, und bereitet sich gleichzeitig auf den Krieg vor. Allein eine vorbehaltlose Aufrichtigkeit zwischen den Menschen und den Nationen ermöglicht das Kommen einer transformierten Welt.

Auroville ist der erste Versuch dieser Erfahrung. Es ist möglich, dass eine neue Welt geboren wird, wenn die Menschen die Anstrengung der Transformation und das Streben nach Aufrichtigkeit auf sich nehmen. Vom Tier zum Menschen waren Jahrtausende notwendig; dank seines Mentals kann der Mensch dies jetzt beschleunigen und bewusst eine Transformation auf einen Menschen hin anstreben, der göttlich sein wird.

Diese Transformation mit Hilfe des sich selbst analysierenden Mentals ist ein erster Schritt; darauf gilt es, die vitalen Impulse zu transformieren – was viel schwieriger ist –, und vor allem das Physische umzuwandeln: jede Zelle unseres Körpers muss bewusst werden. Dies ist meine Arbeit hier. So wird es möglich sein, den Tod zu besiegen. Aber das ist eine andere Geschichte; das wird die Menschheit der Zukunft sein, vielleicht in einigen Jahrhunderten, vielleicht schneller. Das hängt von den Menschen und den Völkern ab.

Auroville ist ein erster Schritt in diese Richtung."

 

(Agenda, 28. Februar 1968)

 

 

Auroville war ein erster Schritt, diesem Vorhaben auf der Erde ein sichtbares Zentrum zu geben. Dass dafür Indien gewählt wurde, ist kein Zufall. Es blickt auf eine lange Tradition der spirituellen Praxis zurück, die dieses Land und viele Menschen dort bis heute prägen. Ungeachtet des äußeren Anscheins wirkt dieses Bewusstsein im Verborgenen weiter, strahlt auf die ganze Welt aus und auch Europa wendet sich mehr und mehr den östlichen Weisheitslehren zu. 

Nicht ohne Grund übt heute der Buddhismus,  gegründet auf die Tugenden von Mitgefühl und Liebe, eine besondere Anziehungskraft auf die Menschen aus (neben einer gewissen "zweckdienlichen Popularität"). Doch wie schon Jesus Christus ankündigte, dass er mit dem Schwert der Wahrheit in diese Welt zurückkommen müsse, weil die Menschen nicht verstünden, werden sich Liebe und Mitgefühl erst dann für die gesamte Menschheit verwirklichen können, wenn jegliche Falschheit, jeder vitale Einfluss der niederen Natur, alles, was dem Göttlichen entgegensteht, aus der Schöpfung verschwunden sind. Wie schnell das geschieht, hängt von der Empfänglichkeit der Welt für das supramentale Bewusstsein ab.

Für jene, die in Jesus Christus den "einzigen Sohn Gottes" sehen, mag es provokant sein, dass die Wiederkunft Christi gleichzusetzen ist mit der Aussage von Sri Aurobindo, in einem supramentalisierten Körper in diese Welt zurückzukehren. 

 

Am 18. Januar 1973 empfing Mutter den Dalai Lama. Seine Fragen betrafen in erster Linie die Unabhängigkeit von Tibet. Wie immer können Mutters Antworten als repräsentativ für das Ganze angesehen werden. Die Fragen des Dalai Lama wurden Mutter indirekt von Kireet, dem Sekretär des Universitätszentrums, gestellt: 

 

(Dalai Lama:) Mein Traum ist eine ideale wirtschaftliche Entwicklung in Tibet, eine ideale Organisation und Leistungsfähigkeit, wie man sie im Kommunismus findet, aber all das basierend und gründend auf den buddhistischen Tugenden von Mitgefühl und Liebe, sodass die Leute in Machtpositionen nicht in Korruption entarten. Was ist Mutters Ansicht über diesen Traum, und kann so etwas in Tibet verwirklicht werden?

 

"Dies ist kein Traum. Es wird ganz natürlich geschehen. Aber ich weiß nicht, wieviel Zeit es beanspruchen wird. Das entspricht dem, was Sri Aurobindo über das Supramental gesagt hat.

Wahrheit, Liebe, Mitgefühl werden die Basis für die neue Schöpfung sein. Nicht die Umstände seiner Geburt, sondern der wahre Wert eines Menschen soll ihm ein Recht auf Autorität verleihen.

Wenn Sri Aurobindos Lehre sich auf der Welt ausbreiten kann und wenn das Supramental sich voll manifestiert, dann wird das Supramental die Macht zur Befreiung Tibets sein.

Es wird unvermeidlich geschehen, es wird kommen; aber wenn es so wie jetzt weitergeht, wird es Jahrhunderte dauern. Wenn das Supramental jedoch manifestiert wird, kann es schnell kommen. Schnell bedeutet allerdings nicht in zehn oder zwanzig Jahren – das käme fast einem Wunder gleich." 

 

(Kireet:) Aber das Supramental arbeitet jetzt sehr machtvoll.

 

"Das tut es, es wirkt. Es wird sich mit genügend Macht manifestieren, wenn die richtigen Leute die Autorität haben.

Im Augenblick scheint es so, als würde die Opposition und Falschheit mit voller Macht angreifen, bevor sie stirbt. Noch nie haben die Menschen so viel gelogen wie jetzt. Diese alte Gewohnheit scheint spontan hervorzukommen. Sie muss gebrochen werden.

Wir sind sozusagen in einem sehr unangenehmen Augenblick der Weltgeschichte. Es ist interessant, denn die Aktion ist sehr machtvoll, aber ich kann diese Zeit nicht als erfreulich bezeichnen.

Aber das sagte ich dir schon; ich habe es geschrieben." 

 

(Kireet:) Ja, Mutter. Du hast die Botschaft gegeben. [siehe Eingangszitat]  

 

(Dalai Lama:) Ich selber habe keinen Wunsch, in der Regierung an der Macht zu bleiben, denn jegliche Regierung beinhaltet so viele Konflikte zwischen den verschiedenen Parteien, und als Regierender muss man stets für die eine oder andere Seite Partei ergreifen ...

 

"Man kann regieren, ohne sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Das ist der Fehler aller Regierungen; sie mindern dadurch ihre Fähigkeit ungeheuer.

Jenseits des Mentals gibt es ein höheres und tieferes Bewusstsein – sie würden dort ein Bewusstsein vorfinden, das alle Fähigkeiten voll einsetzen kann. Man muss ein Bewusstsein haben, das weit genug ist, sodass jede Fähigkeit an ihren Platz gesetzt werden kann, um eine allgemeine Harmonie zu schaffen."

 

(Dalai Lama:) Es gibt guten Willen und Aufrichtigkeit bei Leuten überall auf der Welt, aber die Anzahl dieser Leute ist nicht groß. Werden sie eine Wirkung haben und die Bedingungen in der Welt verändern können?

 

"Es muss sich ändern – es wird sich ändern. Wenn die Leute aufrichtig sind, wird das jedoch die Zeit verkürzen; wenn die Leute aufrichtig sind, wird es schneller gehen.

Der erste und unerlässliche Schritt besteht darin, aller Falschheit ein Ende zu setzen. Falschheit ist all das, was in uns der Gegenwart des Göttlichen widerspricht."

 

 *

 

In der zwei Tage später stattfindenden Unterhaltung fragte Satprem: 

 

Es würde mich interessieren zu erfahren, was du mit dem Dalai Lama gefühlt hast ...

 

"Ein wirklich wohlwollender Mensch. Weißt du, er praktiziert das buddhistische Wohlwollen auf eine wirklich wunderbare Art.

Er scheint keinerlei Eigensucht zu haben. Das heißt, eine ständige Bemühung, das Wahre zu tun.

(Schweigen)

Sehr aktiv [mental] – wir hatten keinen sehr tiefen Kontakt.*

Aber nach dem, was mir gesagt wurde, war er mit seinem Besuch zufrieden. 

...

Man sagte mir (ich weiß nicht, ob es wahr ist), er habe bemerkt: "Sri Aurobindo und die Mutter sind heute die wichtigsten Personen auf der Welt." – Ich weiß nicht, ob das stimmt.

Er scheint mit seinem Besuch zufrieden gewesen zu sein. Er war sehr zufrieden mit der Schule und den Schülern.

Auf der Ebene, wo ich lebe, scheint er nicht sehr bewusst zu sein. Aber ich weiß es nicht, auf jeden Fall ist seine Persönlichkeit überhaupt nicht belastend – er drängt sich nicht auf.

Ich hatte den Eindruck eines sehr starken Mannes – sehr stark. Und harmonisch stark. Sein rechter Arm war nackt, und er erweckte den Eindruck einer ruhigen, starken Kraft. Aber ... ich hatte keinen sehr tiefen Kontakt ... Ich weiß nicht.

 

Und hast du etwas für Tibet gesehen – siehst du etwas für dieses Land?

 

Ich habe ihm gesagt, dass Tibet wieder unabhängig sein wird. Er fragte mich, wann. Ich sagte: "Das weiß ich nicht." 

Sri Aurobindos Vorstellung war ein unabhängiges Tibet und eine Art große Föderation mit Indien. Aber wann? Ich weiß es nicht.

 

Tibet war in einen niedrigen Tantrismus eingeschlossen, und wahrscheinlich kamen die Chinesen, um sie von dieser Gefangenschaft zu befreien ...

 

Ja.

 

Und wenn sie davon gereinigt sind (unglücklicherweise mit großen Verlusten), können sie vielleicht frei werden.

 

(Mutter nickt zustimmend) ...

____________________

* Fußnote zu diesem Gespräch: Satprem mag keine Menschenmengen, und der ganze Ashram war in Aufruhr. Der Dalai Lama hatte den Wunsch geäußert, Mutter allein zu sehen, aber die Würdenträger des Ashrams klebten buchstäblich wie Kletten an ihm. Sie blieben während des ganzes Interviews im Zimmer anwesend. Unter diesen Bedingungen konnte er keinen "tiefen" Kontakt mit Mutter haben. 

 

(Agenda, 20. Januar 1973)

 

 

***

 

Auszug aus einem Gespräch zwischen Mutter und einigen Lehrern der Schule: 

 

Was ist die beste Art, uns vorzubereiten? Denn es ist offensichtlich, dass all dies einer recht langen Vorbereitung bedarf.

 

"Die beste Art ist natürlich, euer Bewusstsein zu erweitern und zu erhellen. Aber wie ist da vorzugehen? ... Erweitert und erhellt euer eigenes Bewusstsein. Und wenn jeder von euch sein Psychisches finden und sich mit ihm vereinigen könnte, wären alle Probleme gelöst.

Das psychische Wesen ist der Repräsentant des Göttlichen im menschlichen Wesen. Das ist der springende Punkt: Das Göttliche ist nicht etwas weit Entferntes und Unerreichbares; es ist in euch, aber ihr seid euch dessen nicht ganz bewusst. Ihr habt eher... Bis jetzt wirkt es eher wie ein Einfluss, anstelle einer Gegenwart. Es muss eine bewusste Gegenwart sein, damit ihr euch in jedem Augenblick fragen könnt, wie das Göttliche die Dinge sieht.

Dies ist die Entwicklung: zuerst, wie das Göttliche sieht, und dann, wie das Göttliche will, und schließlich, wie das Göttliche handelt. Es geht ganz und gar nicht darum, in unerreichbare Regionen aufzusteigen: es ist unmittelbar HIER. Allerdings wird es im Moment noch von all den alten Gewohnheiten und der allgemeinen Unbewusstheit verdeckt, sodass man es nicht sehen und spüren kann. Man muss ... das muss man entfernen.

Im Grunde besteht unsere Aufgabe darin, bewusste Instrumente des Göttlichen zu werden.

Normalerweise erfordert dies ein ganzes Leben, für manche sogar mehrere Leben. Hier, unter den aktuellen Bedingungen, könnt ihr es in einigen Monaten tun. Jene, die eine brennende Aspiration haben, können es in wenigen MONATEN tun.

(Mutter bleibt für einige Minuten konzentriert:) Habt ihr etwas gespürt?

 

(Einer der Lehrer:) Gab es eine spezielle Herabkunft?

 

"Nein, keine "Herabkunft". Das ist wieder eine falsche Vorstellung. Es ist keine "Herabkunft". Es ist etwas, das IMMER da ist, ihr fühlt es nur nicht.

Wisst ihr, was die vierte Dimension ist?

Wir haben darüber gesprochen ...

Habt ihr die Erfahrung?"

 

Nein, liebe Mutter.

 

"Ach! Aber die vierte Dimension ist gerade die beste Annäherung der modernen Wissenschaft. Für uns ist das Göttliche die vierte Dimension. Es ist ... im Innern der vierten Dimension. Es ist überall – überall, immer. Nicht etwas, das kommt und geht: es ist immer hier ... überall. Nur unsere eigene Dummheit hindert uns daran, es zu fühlen. Man braucht überhaupt nicht fortzugehen ... ganz und gar nicht.

Um euch eures psychischen Wesens bewusst zu sein, müsst ihr einmal die vierte Dimension spüren können, sonst könnt ihr nicht wissen, was es ist ... Mein Gott!

Seit siebzig Jahren weiß ich, was die vierte Dimension ist – mehr als siebzig Jahre.

(Schweigen)

Das ist unerlässlich. Das Leben fängt damit an. Sonst lebt man in der Lüge – in einem Ameisenhaufen von Chaos und Finsternis ... Ihr seid einfach zu mental!

Um euch eures eigenen Bewusstseins bewusst zu sein, müsst ihr es sonst mentalisieren. Und das ist schrecklich!"

 

Das neue Leben ist nicht die Folge des früheren, sondern ein Hervorquellen von innen.

 

"Ja! Ja!"

 

Es gibt nichts Gemeinsames zwischen ...

 

"Doch, aber ihr seid euch dessen nicht bewusst. Man muss ... ja, das Mental hindert euch daran, es zu spüren. Man muss SEIN. Ihr mentalisiert alles – alles. Was ihr "Bewusstsein" nennt, besteht darin, die Dinge zu denken; genau das nennt ihr Bewusstsein. Aber das ist es ganz und gar nicht! Das ist nicht Bewusstsein. Das Bewusstsein ... es muss völlig transparent und OHNE Worte sein können.

(Mutter schließt die Augen)

Alles wird leuchtend und warm... STARK!

Und ein Friede... der wahre Friede, der nicht Trägheit und Unbeweglichkeit ist."

 

Mutter, kann man dies allen Kindern als Ziel geben?

 

"Allen? ... Nein. Sie haben nicht alle dasselbe Alter, selbst wenn sie physisch gleich alt sind. Manche Kinder sind unentwickelt. Ihr müsstet ... Wenn ihr euch eures eigenen Psychischen voll bewusst wäret, würdet ihr wissen, welche Kinder ein entwickeltes Psychisches haben. Bei manchen Kindern ist das Psychische noch embryonal – das psychische Alter ist nicht dasselbe, ganz und gar nicht. Normalerweise braucht das Psychische mehrere Leben, um sich voll zu entwickeln. Das Psychische ist der Teil des Wesens, der von einem Körper zum nächsten übergeht. Wenn man sich seines Psychischen nicht bewusst ist, erinnert man sich deshalb auch nicht an die vergangenen Leben. Manchmal hat das Psychische jedoch in einem gewissen AUGENBLICK an einem Ereignis teilgehabt: es ist bewusst geworden, und das formt eine Erinnerung. Manchmal hat man eine bruchstückhafte Erinnerung: die Erinnerung an einen Umstand oder ein Ereignis oder einen Gedanken oder sogar an eine Tätigkeit ... auf die Art. Da war das Psychische bewusst.

(Schweigen)

Was wollt ihr! Bald bin ich hundert, es fehlen nur noch fünf Jahre; und ich begann mein Bemühen, bewusst zu werden, als ich fünf war. Ihr seht also ... Ich fahre fort, es geht weiter. Ein besonderer Umstand ist natürlich, dass ich jetzt an den Zellen des Körpers arbeite, aber die Bemühung hat schon vor langer Zeit begonnen.

Dies nicht, um euch zu entmutigen, sondern um euch zu sagen, dass sich das nicht einfach so tut.

Der Körper ... der Körper ist noch aus einer sehr schwerfälligen Materie gebaut. Und die Materie selbst muss sich ändern, damit sich das Supramental manifestieren kann."

 

(Agenda, 8. Februar 1973)

 

 

 

Sri Aurobindo zur Natur der Göttlichen Führung in der Sadhana

 

 

 

Schüler: Welcher Teil in diesem Yoga obliegt dem Sadhak und inwieweit hängt es von Gott oder vom Guru ab?

 

"O Gott! Das ist eine zu große Frage. Möchtest du darauf eine mathematische Antwort haben oder was?"

 

Ich möchte keine Mathematik. Ich habe es schon ausgerechnet.

 

"Zu welchem Resultat bist du gekommen? Hast du eine Formel gefunden?"

 

Nicht nur eine, sondern viele.

 

"Wenn man in diesem Yoga alles selbst macht, dann richtet man als Erstes ein großes Durcheinander an; dennoch muss man in jedem Augenblick der höheren Bewegung zustimmen, die niedere zurückweisen und muss dementsprechend handeln. Wenn man nicht richtig handelt, richtet man ebenfalls ein Durcheinander an.

Selbst wenn man die höhere Macht herabkommen sieht, muss man sie auf die richtige Weise empfangen. Wenn die höhere Macht präsent ist, muss man darauf achten, sie richtig einzusetzen, ohne sie zu entstellen oder zu verzerren. Wenn die höhere Macht ausbleibt, muss man selbst handeln und die Konsequenzen auf sich nehmen. Man kann nicht verlangen, dass Gott alles tut. Gott tut nicht alles auf diese Weise.

Kommen wir nun zum Guru. Was ist für dich der Guru? Wenn du mich damit meinst, so mag ich zweckmäßigerweise Guru genannt werden, aber in diesem Yoga gibt es keinen Guru, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie die Leute diesen Begriff gewöhnlich verstehen. Es ist die höhere Macht, die herunterkommt. Im Allgemeinen, wann immer eine solche Macht herabkommt, bereitet sie ein Instrument vor, das die Wahrheit erkennt, oder besser gesagt, dem sich die Wahrheit zu erkennen gibt und in dem sie sich je nach der Kraft seiner Empfänglichkeit offenbart; auch dort wird ihm die Kraft gegeben. Wenn die Macht, die herabkommt, ein solches Instrument vorbereitet, wird es leicht für sie, auch in andere Menschen herabzukommen, die sie manifestieren wollen, die nicht ihren eigenen Weg gehen möchten, sondern die in den Besitz der Wahrheit kommen und sie leben wollen. Dann besteht eine Chance auf Erfolg.

(Auf sich selbst deutend) Hier ist das Instrument. Jedes Mal, wenn ein menschliches Instrument vorhanden ist, wird es für die höhere Wahrheit leicht, sich im Leben zu offenbaren. Wenn du es lieber einen „Dynamo“ nennen möchtest, so kannst du es als solchen bezeichnen. Selbst dann muss jeder seine eigene Arbeit tun.

Jedenfalls kann man in diesem Yoga nicht sagen: „Der Guru wird alles tun“ und ihm die ganze Last überlassen. Ich weiß nicht, wie es bei den anderen Yogas ist; aber in diesem Yoga heißt es, sich in jedem Augenblick bewusst zu sein, was in einem vorgeht. Man muss in das höhere Wirken einwilligen und die niedere Bewegung zurückweisen. Das ist die Basis.

Die Voraussetzungen, um die Hilfe des Gurus zu empfangen, sind dieselben wie die, um die Hilfe der höheren Macht direkt zu empfangen. Wenn man nicht in ihr Wirken einwilligt, dann hilft selbst Gott dem Menschen nicht. In diesem Yoga herrscht diese vollkommene Freiheit des Individuums, seine eigene Wahl zu treffen."

 

Bekommen wir die Hilfe durch Sie oder direkt?

 

"Auf beiden Wegen. Wenn die Kraft herabkommt, bekommt ihr sie, wie jeder andere sie bekommen kann. Ihr bekommt sie auch von mir. Es ist ein und dieselbe Wahrheit. Das, was herabkommt, ist etwas, das über das Mental hinausgeht. Wenn ihr euch an mich wendet, um Hilfe zu bekommen, dann bekommt ihr sie von mir. Etwas von mir geht auf euch über und schafft die notwendigen Voraussetzungen, damit die höhere Macht in euch herabkommen kann. Tatsächlich sind die beiden Bewegungen nicht so sehr voneinander getrennt, wie es euch erscheinen mag."

 

Was geschah in Tirupatis Fall?

 

"Ich musste ihm klar sagen: „Wenn du nach eigenem Gutdünken handeln willst und gleichzeitig verlangst, dass der Guru dir hilft, so kann ich es nicht.“ In seinem Fall waren zwei Dinge falsch: Er hatte gewisse Erfahrungen und fing an, in ihnen zu schwelgen, um Bogha (Genuss) aus der Erfahrung zu ziehen. Das versetzte ihn in Hochstimmung und gab ihm ein Gefühl von Macht. Wenn er mit seinem schwachen Körper zwei oder drei Tage lang die Nahrung aussetzte, wunderten sich die Leute. All das wurde durch die vitale Kraft ermöglicht, und er stürzte sich voll und ganz ins Vitale.

Die zweite Sache war, dass er die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen wollte, sondern er wollte sie, um etwas Großartiges und Einzigartiges zu werden, er wollte die Wahrheit für sich selbst, er wollte göttlich werden und pflegte mir zu sagen, er habe das Supramental schon halbwegs erlangt. Ich versuchte, ihn in das physische Bewusstsein zu bringen. Unglücklicherweise hatte das psychische Wesen keinen Einfluss auf die anderen Teile seines Wesens."

 

Konnte die Kraft, die er herabzog, was auch immer ihre Natur war, nicht abgewendet oder von ihm ferngehalten werden?

 

"Nicht, ohne dass er selbst damit einverstanden gewesen wäre. Selbst Gott kann einem nicht helfen, wenn man nicht will, dass einem geholfen wird."

 

War diese Tendenz, die Wahrheit zu entstellen, dieser Mangel an Aufrichtigkeit, von Anfang an in ihm?

 

"Der Same davon muss vorhanden gewesen sein. Solch ein Same kann entweder vernichtet oder entwickelt werden. Wenn man ihn zurückweist, kann er vernichtet werden; wenn man ihn entwickelt, kann er stark werden und wachsen."

 

War er nicht aufrichtig, als er mit dem Yoga begann?

 

"Er besaß Aufrichtigkeit, sonst hätte er sich überhaupt nicht auf den Yoga einlassen können; als aber die andere Tendenz zum Vorschein kam, hat sie wohl das ganze Wesen überschattet und die Oberhand über die Aufrichtigkeit gewonnen."

 

Aber wenn ein Angriff auf ihn stattfindet, können Sie ihm da nicht helfen?

 

"Ich kann ihn nicht die ganze Zeit unter meiner Beherrschung halten. Wenn ich mich derart um ihn kümmere, dann wird ihn in dem Moment, wo ich ihn loslasse und meine Aufmerksamkeit einem anderen zuwende, das Problem erneut beherrschen."

 

Können Sie ihn ohne sein Einverständnis nicht verändern?

 

"Nein. Ohne sein Einverständnis kann nichts getan werden. Selbst Gott kann und tut es nicht auf diese Weise, und er ist viel mächtiger als ich. Nichts kann getan werden ohne das Einverständnis des Individuums. Ich sagte ihm, dass er die höhere Kraft nicht herabziehen solle. Er pflegte zu antworten: „Ja, ja“, aber er ließ nie davon ab. Schließlich war er in einem solchen Zustand, dass er nicht mehr auf mich hören konnte. Er sagte dann jeweils, dass das, was er erlangt habe, das Supramental sei! Wenn ich ihm erklärte, dass es nicht das Supramental sei, sagte er wieder „Ja“, ging aber weiterhin seinen eigenen Weg. Seine einzige Rettung lag darin, in sein physisches Mental zu kommen und sich wie ein gewöhnlicher Mensch zu verhalten."

 

Können Sie ihn nicht fühlen lassen, dass er unaufrichtig ist?

 

"Nein. Er will es nicht wissen. Ich kann ihm die Erfahrung vermitteln, was der wahre Zustand ist, aber es liegt an ihm, das niedere Wirken zurückzuweisen und dem höheren zuzustimmen. Ich kann ihn nicht ständig festhalten.

Das heißt, dass dieser Teil des Wesens, der in das niedere Spiel einwilligte, sich zurückziehen, zurückweichen muss. Das ist die Bedingung, um das Hindernis loszuwerden.

Eines steht fest: In diesem Yoga kann man niemals zur Wahrheit gezwungen werden. Man muss bei jedem Schritt in die Wahrheit einwilligen."

 

Glauben Sie, dass das auch für die anderen Yogas gilt?

 

"Ich weiß es nicht. Aber ich denke, dass ein gewisses Einverständnis irgendwo im Wesen, verschleiert oder unverschleiert, absolut notwendig ist, damit die Kraft des Gurus wirken kann. Das Äußere hat keine Bedeutung. Das Wesentliche, das notwendig ist, ist die zentrale Aufrichtigkeit."

 

Angenommen die zentrale Zustimmung ist vorhanden. Was verstehst du unter zentraler Zustimmung?

 

"Ich verstehe darunter die Zustimmung des psychischen Wesens.

Das psychische Wesen befindet sich hinter dem Mental, dem Vital usw., während das, was ich das zentrale Wesen nenne, im Allgemeinen etwas ist, das oberhalb des gesamten Wesens Druck auf die Natur ausübt und so die Sache zustande bringt. Es ist das, was den Menschen zum Yoga drängt. Alles andere ist nur eine Ausrede – die Umstände, die intellektuellen Ideen und andere solche Dinge sind bloße Ausreden. Was mich betrifft, so begann ich mit der Idee, Indien zu befreien, und als ich mich tief auf den Yoga einließ, fand ich, dass sich schon etwas ergeben hatte, und so kam ich geradewegs und gut voran; ansonsten wäre ich vom Weg abgekommen.

In diesem Yoga genügt es nicht, dass das zentrale Wesen, das sich im Allgemeinen oben befindet, seine Zustimmung auf Distanz gibt, sondern, falls notwendig, muss es fähig sein, direkt nach vorne zu treten, um sich den anderen Teilen spürbar zu machen. Das ist es, was uns gewöhnlich rettet. Zum Beispiel mögen hundertmal Zweifel im Wesen aufkommen, die einen eine Zeit lang völlig zu beherrschen scheinen, aber selbst dann beteuert das zentrale Wesen: „Ich kenne die Wahrheit, ich kann auf sie warten.“

 

Was ist zentrale Aufrichtigkeit?

 

"Das ist eine sehr große Frage. Man kann sagen, es ist etwas im zentralen Wesen, das dem Ruf treu bleibt. Es mag zu Abweichungen vom Weg und auch zu Fehlern kommen, aber wenn das zentrale Wesen anwesend ist, kehrt der Mensch auf den Weg zurück. Man muss diese zentrale Aufrichtigkeit haben, um zur Wahrheit zu gelangen."

 

Trifft das für alle Arten von Kräften zu?

 

"Es kommt darauf an, welche Art von Kraft man bekommt – es gibt so viele Arten von Kräften.

Mit dem vitalen Wesen „zu tricksen und zu verzerren“ scheint die weitverbreitete Krankheit zu sein. Aber es ist sehr schwierig, dies wieder zu korrigieren."

 

Herrscht nicht im mentalen Wesen ein ebensolches Tricksen und Verzerren?

 

"Ja, so ist es. Und dies kann den Sadhak ebenfalls vom richtigen Weg abbringen. Aber selbst dann gibt es im Mental ein Bestreben nach Licht, und es ist verhältnismäßig leicht, es zu erhellen. Die wirkliche Gefahr kommt vom vitalen Wesen, das ist es, was den Sadhak vom Kurs abbringt. Es mag geschehen, dass man den Yoga nicht ausüben kann, weil sich irgendetwas vom Physischen in den Weg stellt, wenn aber die Arbeit erst einmal bis zum Vital getan ist, dann ist keine Abkehr mehr möglich. Wenn man im Kampf im Physischen fällt, dann ist das kein wirklicher Fall, denn das, was getan ist, wird auch in Zukunft bestehen. Wenn man aber im Vital vom Kurs abkommt, dann ist es eine wirkliche Abkehr, denn das bedeutet Niederlage.

 

Im Allgemeinen mögen solche Personen den Frieden, der herabkommt, nicht. Als X hier war, hatte er das Gefühl, ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein, und er wehrte sich sehr gegen diesen Zustand. Wenn die höhere Kraft anwesend ist, stellt sich ein Gefühl von Macht und Freude ein, und einige Leute halten das fälschlicherweise für ihre eigene Kraft; wenn dann diese Kraft abwesend ist, dann fühlen sie sich wie leere Spreu, und in der Tat ist es so. Das Einzige, was man dann tun kann, ist, still und ruhig zu bleiben. Es ist die Kraft, die wirken muss, und nicht der Mensch."

 

Was sind die Voraussetzungen, damit die Kraft die Transformation bewirken kann?

 

"Wenn in mir die Transformation gründlich vollzogen wird, dann bedeutet das, dass es für andere leichter ist; und wenn sie erfolgreich in anderen vollzogen wird, dann bedeutet das, dass die notwendigen Voraussetzungen für ihre Weiterführung in der Welt geschaffen sind.

Das heißt, dass es Zeit braucht; und es heißt auch, dass die Wahrheit nicht von selbst – als universeller Faktor – manifestiert werden kann, es sei denn, die universellen Voraussetzungen werden geschaffen.

Die Zeit ist die universelle Bedeutung. Alles mag da sein, und dennoch mag die Umwelt nicht bereit sein."

 

Ist es nicht sehr schwierig, im nervlichen und physischen Wesen ein aufrichtiges Verlangen zu begründen?

 

"Das Physische ist im Allgemeinen nicht unaufrichtig. Tatsächlich ist es aufrichtig, aber sehr obskur, konservativ, und es lässt sich nur langsam verändern, es ist träge und schwerfällig.

Im Nervensystem kommt es zur Rückkehr in die Unwissenheit aufgrund von Erinnerungen an die Vergangenheit oder weil das physische Wesen seine Unreinheiten aufwirft oder weil das vitale Wesen seine Unreinheiten auf das Nervensystem ablädt. Deshalb muss man, wenn man sich mit nervösen Unreinheiten befasst, schauen, wo sie herkommen. Wenn das vitale Wesen aufrichtig ist, dann kommt die Rückkehr in der Nervenstruktur vom physischen Wesen." 

 

(aus den Abendgesprächen mit Sri Aurobindo vom 2. März 1926)

 

 

 

 Es gab eine Zeit, wo ich die Idee aufgeben musste, dieses Werk während Lebzeiten zu vollbringen. Im vitalen Wesen bestand ein großer Drang zu versuchen, die Sache sehr schnell zu tun. Doch dann musste ich lernen, alle diese Ideen aufzugeben und es Gott zu überlassen, zu tun, was immer ihm beliebte. 

 

Sri Aurobindo

 

 

 

 

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