"Das Rätsel dieser Welt" oder die Frage aller Fragen

 

 

 

 

Die Freude ist die ursprüngliche Kraft hinter der Manifestation. 

 

Sri Aurobindo

(pixabay/PIRO4D)

 

Der französische Autor Maurice Magre (1877 - 1941) verbrachte einige Jahre im Ashram von Sri Aurobindo. Bei einem Schriftwechsel im Jahr 1933 stellte er ihm folgende Frage: 

 

„Der göttliche Spirit hat also, als er sich in den Formen verkörperte, alles vorhergesehen und alles gewollt. Doch wie kommt es dann, dass es den Anschein hat, er verfolge ein Ziel, da er doch auf Anhieb alles hätte verwirklichen können? Warum hat er das Leid und das Böse zugelassen? Wenn das menschlich Böse den Menschen zugeschrieben wird, so kann die Ungerechtigkeit, welche Tiere und Pflanzen trifft, allein der göttlichen Ordnung zugeschrieben werden. Warum hat die göttliche Ordnung nicht alles in der Freude eingerichtet? Nicht immer führt Leid zur Vollendung, sondern es stürzt einen viel öfter in unheilbare Verzweiflung.“

 

Und so begann Sri Aurobindos Antwort, später in dem Essay "Das Rätsel dieser Welt" veröffentlicht: 

 

„Es ist nicht zu leugnen und wird von keiner spirituellen Erfahrung geleugnet, dass diese Welt weder ideal noch zufriedenstellend ist, da sie allzudeutlich vom Siegel der Unzulänglichkeit, des Leidens und des Bösen geprägt ist. Diese Erkenntnis ist gleichsam der Ausgangspunkt des spirituellen Strebens überhaupt – mit Ausnahme bei jenen wenigen, denen die höhere Erfahrung unmittelbar zuteil wurde und die nicht zu ihr gezwungen wurden durch das mächtige, unwiderlegbare, leidvolle und entsagende Wissen um jenen Schatten, der den gesamten Bereich dieses manifestierten Daseins überlagert.

Dennoch bleibt die Frage offen, ob dies tatsächlich – wie behauptet wird – das wesentliche Merkmal der ganzen Manifestation sei und ob es, zumindest solange es eine physische Welt gibt, notwendigerweise zu deren Natur gehört. Damit müsste man das Verlangen, geboren zu werden, den Willen, sich zu offenbaren oder schöpferisch auszudrücken, als die Ursünde schlechthin betrachten und die Abkehr von Geburt oder Offenbarung als einzig möglichen Weg der Erlösung. Für diejenigen, die es derart oder ähnlich sehen – und diese sind immer in der Überzahl gewesen –, gibt es wohlbekannte Auswege und direkte Abkürzungen zu spiritueller Befreiung.

Doch ebenso kann es sich anders verhalten und unserer Unwissenheit oder unserem begrenzten Wissen nur so vorkommen; die Unvollkommenheit, das Böse, das Leid könnten zwar ein bedrückender Umstand oder ein schmerzhafter Übergang sein, doch nicht die eigentliche Grundbeschaffenheit der Schöpfung, nicht die eigentliche Essenz des Geborenwerdens in der NATUR. Wenn dies stimmt, dann läge die höchste Weisheit nicht in der Flucht, sondern im Streben nach einem Sieg auf Erden, in einer bejahenden Verbindung mit dem WILLEN, der hinter der Welt steht, in einer Entdeckung der spirituellen Pforte zur Vollkommenheit, die gleichzeitig die Öffnung ist für die gänzliche Herabkunft der Göttlichen LICHTES und WISSENS, der Göttlichen MACHT und GLÜCKSELIGKEIT."

 

Weshalb inkarnieren wir immer wieder auf diesem Planeten? Setzen uns freiwillig Krankheit, Leid, Schmerz und Tod aus? Verlieren geliebte Menschen? Führen im Jahre 2018 immer noch sinnlose Kriege gegeneinander, verschmutzen die Umwelt, rotten Tierarten aus, plündern  weiterhin unsere Ressourcen, anstatt andere Wege der Energiegewinnung durchzusetzen?Welche Anziehung übt diese Erde trotz alledem auf unsere Seele aus, dass wir uns auf ein neues Leben einlassen? Was ist die verborgene Antriebsfeder hinter all dem? 

Viele, die eine spirituelle Verwirklichung erreichten, stellten fest, dass es etwas in uns gibt, das von all dem unberührt bleibt. Sie beschrieben es als kosmische Weite, Einssein mit Allem was ist, Glückseligkeit, Frieden, Licht und vieles mehr. Allerdings kamen die meisten zu dem Schluss, um das zu bewahren sei es nötig, den Körper abzulegen und der Erde und der obskuren, vergänglichen Materie zu entfliehen. Manche mussten eine ständige yogische Konzentration aufbringen, die schmerzhaft über den Körper aufsteigenden vitalen Anteile der niederen Natur in Schach zu halten und kamen deshalb zu dem Ergebnis, Flucht wäre die einzige Lösung.

 

Sri Aurobindo erzählte die Geschichte von einem Yogi, der von einem tollwütigen Hund gebissen worden war. Durch spirituelle Konzentration gelang es ihm, den Ausbruch der Krankheit zu verhindern. Jahre später, als er einen Moment in seiner Konzentration nachließ, brach die Tollwut aus und er verstarb. Sri Aurobindo warf die Frage auf, weshalb er überhaupt von dem Hund gebissen worden war?

Das legt den Schluss nahe, dass ein höheres Sein im Bereich des Möglichen liegt, das diesen Umstand gar nicht erst zulässt. 

Mit seiner Abhandlung über die Involution des Göttlichen in die Materie  und der Erweckung und Befreiung dieses Göttlichen Bewusstseins in den Körperzellen selbst, als ein erstes großes Ziel unserer Evolution und lang verfolgte Absicht des Spirits hinter allem, gab uns Sri Aurobindo den Schlüssel zum Verständnis:

 

"... wir entdecken, dass das UNBEWUSSTE, von dem alles seinen Ausgang nimmt, nur Schein ist, denn ihm ist ein Bewusstsein mit endlosen Möglichkeiten involviert, ein Bewusstsein, das nicht begrenzt, sondern kosmisch und unendlich ist, ein verborgenes und in sich eingekerkertes GÖTTLICHES, gefangen in der MATERIE, doch alle Möglichkeiten in seinen geheimen Tiefen bergend.

Aus dieser scheinbaren UNBEWUSSTHEIT wird jede Macht zu ihrer Zeit enthüllt, zuerst die geordnete MATERIE, die den innewohnenden Spirit verbirgt, dann das LEBEN, das in der Pflanze auftaucht und sich im Tier mit einem wachsenden MENTAL verbindet, dann das MENTAL selbst, das sich im MENSCHEN entwickelt und ordnet. [Es gibt ] ein weit größeres Bewusstsein als jenes, das wir MENTAL nennen; und wenn wir die Leiter weiter ansteigen, können wir einen Punkt erreichen, an dem die Umklammerung der stofflichen UNBEWUSSTHEIT, die vitale und mentale UNWISSENHEIT, endet. Ein Bewusstseinsprinzip gelangt hier zur Manifestation, das nicht nur teilweise und unvollkommen, sondern radikal und gänzlich dieses gefangene GÖTTLICHE befreit.

In dieser Sicht erscheint jedes Stadium der Evolution als Ergebnis der Herabkunft einer immer größeren und höheren Bewusstseins-MACHT, die das Erdendasein erhebt und eine neue Daseinsebene schafft; ... und das Rätsel des Erdendaseins wird durch ihre Herabkunft seine Lösung erfahren, und nicht nur die Seele, sondern die NATUR selbst wird ihre Befreiung erlangen."

 

Das Verankern einer immer höheren, die Menschheit erhebenden Bewusstseinsmacht war u.a. die Aufgabe der Avatare, in unserem Jahrtausende währenden Ringen um Evolution bis zum Homo sapiens. Sri Aurobindo als bisher letzter Avatar ermöglichte uns das Erreichen des Wahrheitsbewusstsein, das Supramental. Unser seelisches Wesen ist in der Lage, eine feste Verbindung mit dieser Kraft zu schließen und seine Herabkunft in unseren Körper dauerhaft zu begründen. Dort erweckt es das eingekerkerte Göttliche Bewusstsein in den Körperzellen und befreit es vom Bann der unbewussten und unterbewussten evolutionären Rückstände und verwandelt unsere gesamte Natur von innen heraus:  in ein anpassungsfähiges, perfektes Instrument, das jeder Bewegung des Höchsten folgen kann. Es entsteht eine neue Art des Seins in der Welt, in einem individualisierten, vergöttlichten Körper.

 

Doch all diese Ausführungen behandeln nur das "Wie?" der anfänglich gestellten Fragen. Es bleibt die bohrende Frage nach dem "Warum?"  Weshalb konnten das Böse und das Leid nicht von Anfang an vermieden werden? Die Herabkunft des Avatars Jesus Christus wurde nicht zuletzt aus dem Grund erforderlich, weil die Menschen anfingen, gegen das Leid aufzubegehren. Er brachte den Menschen das Bewusstsein für Mitgefühl und Liebe, um das Leid als notwendiges Zwischenstadium zu legitimieren. Er wusste: Noch war das Ziel dieser Evolution nicht erreicht und er würde mit dem Schwert der Wahrheit in diese Welt zurückkehren müssen - bevor die Liebe manifestiert werden kann.    

 

(pixabay/congerdesign)

 

Die Frage nach dem scheinbar unvermeidlichen Bösen und dem Leid in der Welt erhebt sich wieder verstärkt in den Menschen. Sie ist eng an die Frage nach dem Sinn des Lebens geknüpft. Ein Zeichen dafür, dass etwas Neues ins globale Bewusstsein eingetreten ist. "Etwas" ent-wickelt sich.

 

Dr. Peter Reiter vertiefte sich nach dem Studium der Philosophie und Indologie in verschiedene spirituellen Lehren aus Ost und West und drang selbst immer weiter in das Mysterium der spirituellen Verwirklichungen ein. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und stellte sich als Proband für eine Rückführungsreihe in seine früheren Inkarnationen zur Verfügung, die veröffentlicht wurde in dem Buch von Werner J. Meinhold "Der Wiederverkörperungsweg eines Menschen durch die Jahrtausende". Ein einzigartiger Forschungsbericht zum Thema Reinkarnation, dessen in Hypnose gegebenen Aussagen und höheren Einsichten die Erkenntnisse von Sri Aurobindo und Mutter in zahlreichen Details ergänzen und stützen. 

Darin brachte Herr Reiter den Überdruss des immer wieder Geborenwerdens mehrmals deutlich zum Ausdruck. Hier ein überaus wertvoller Ausschnitt aus seinem Leben als Goldwäscher und Naturbeobachter Sam Dickinson, etwa 1820 geboren, die Inkarnation vor jener als Peter Reiter. Er enthält zugleich sehr aufschlussreiche Hinweise auf den von ihm unbewusst empfundenen Stillstand der evolutionären Entwicklung vor dem Auftauchen eines Sri Aurobindo in diesem irdischen Milieu, der uns als Menschheit den Schritt auf die nächste Stufe der Evolution ermöglichen sollte. 

 

Von dem Hypnosetherapeuten Herrn Meinhold in tiefer Hypnose an den Punkt der Empfängnis geführt und über seine Empfindungen befragt, antwortete er:

 

"Ganz komisch. Ich seh, wie's mein Vater mit meiner Mutter treibt, aber nicht zu Hause, sondern auf der Wiese neben einem kleinen Bach. 

M: Und wir erlebst du das?

P: Ah! ich will nicht! Man schaut das an, wie ein Schauspiel. Irgendwie zieht's einen dann an und eh' man sich versieht, sitzt man in der Falle. 

M: Wolltest du da nicht hin? 

P: nein, gar nicht." 

 

Dieses von oben Betrachten der Szene als körperloses Bewusstsein, das Herumkreisen darüber und das unausweichliche Angezogenwerden in die Einkörperung schilderte Herr Reiter auch an anderer Stelle vorausgehender Inkarnationen. 

Diese vorletzte Inkarnation ist aufgrund seiner weiteren Ausführungen sehr bemerkenswert: 

 

"Es bedrückt mich irgendwo. Es ist so eine Art Überdruss des Lebens. – das Gebundensein, das Lebenmüssen. Ich hab's einfach satt. Es bringt nichts Neues ... Ich hab mich da von den Menschen isoliert, um mich damit [mit der Natur] auseinanderzusetzen, weil die Menschen bringen mir nichts Neues, die da wohnen. – ... es ist überall alles dasselbe, ich bin viel herumgekommen. Sie streben nach kleinen Freuden, nach einem Haus, ein bisschen Whisky und das und jenes – alles nichtige Dinge, und sterben auch wieder, völlig nichtig, wie das Gras. ... Aber die Natur ist irgendwie anders. Ihre Ganzheit stellt sich mir dar als sinnvolle Harmonie, als eine Symphonie. Die Menschen sind wie polarisierte Atome ... Was der eine aufbaut, zerstört der andere, macht's total wieder zunichte; was der eine wünscht, nimmt ihm der andere weg."

 Während er bei den Menschen keine Entwicklung erkennen konnte, empfand er jedoch, " ... dass die Natur ein Geheimnis darstellt. Ich ahne, dass das ein Aufbau ist, von dem der Mensch abgefallen ist und dass er erst wieder lernen muss, zu dieser Entwicklungslinie zu finden. Das ist ein Aufbau von den Steinen bis über die Pflanzen und Tiere. Und der Mensch, statt diese Entwicklungslinie weiterzutreiben, hat sich durch seinen Eigennutz und -sinn irgendwie atomisiert, während im Pflanzenbereich, wenn eines stirbt, es dem anderen Nahrung gibt und das alles zusammengehört. ...

Ich glaube, dass die Natur ein Gleichnis darstellt, sowohl in der menschlichen Entwicklung als auch bei den Prozessen im Menschen, und dass das Verstehen dieser Vorgänge auch ein Selbstverstehen ist; nicht nur im geistig strukturierten, sondern im gesamten kosmischen Bereich – dass praktisch der Umsetzungsschlüssel gefunden wäre von Geist in Materie. ...

Das menschliche Bewusstsein entwickelte die totale Individualisation mit einem gewissen Eigensinn, das war vielleicht auch notwendig. Und irgendwie muss er zurückfinden, aber diesmal auf der bewussten Ebene. [Anm.: Mutter sprach von einer Umkehrung des Bewusstsein.] Er kann nicht mehr zurückfinden, indem er einfach zu Gras wird oder wie Hermann Hesse sagt, sich da irgendwie hineinträumt. Sondern er muss es auf der bewussten Ebene schaffen, und das kann er nur, indem er den Geist versteht, der in ihm und in der Natur ist und dann diese Beziehung wieder herstellt zwischen abstrahiertem und materialisiertem Geist und damit auch gleichzeitig den Schlüssel dieser Beziehung findet zwischen Körper und Geist auch in ihm selber. ...

Ich hab den Schlüssel noch nicht ganz gefunden, obwohl ich irgendwo ahne. Aber gerade weil ich ihn ahne, ist diese Kraft so stark, dieses Drängen, dieses Zerrissensein, und ich glaube, wenn man nicht so unzufrieden wäre, könnte man sich einfach hinsetzen und ausruhen." (a.a.O., S.46-49)

Doch irgendetwas treibt uns weiter von einer Inkarnation zur nächsten.

 

Wenn man diese Worte liest, erfühlt man förmlich das sich beschleunigende Vorwärtsstreben des seelischen Wesens, das sich der kommenden supramentale Verwirklichung entgegensehnt.  

In diesem Leben wurde Peter Reiter etwa 50 Jahre alt, starb also ca. 1870. Am 15. August 1872 wurde Sri Aurobindo geboren. Er sollte uns jene Weiterentwicklung ermöglichen. 

 

 

 

Gehen wir der Frage nach dem "Warum?" in Sri Aurobindos Antwort an Maurice Magre nach: 

 

  " ... was ist der Sinn, was der Ursprung dieser Disharmonie – warum entstand diese Spaltung, dieses Ego, diese Welt einer leidvollen Entfaltung? Warum mussten das Böse und der Kummer in das göttliche GUTE eindringen, in die GLÜCKSELIGKEIT, in den FRIEDEN?

Es ist schwierig, dies dem menschlichen Verstand auf seiner Ebene zu beantworten, denn das Bewusstsein, dem der Ursprung dieses Phänomens angehört – vor dem es gleichsam in überintellektueller Erkenntnis gerechtfertigt steht –, ist ein kosmisches und nicht das individualisierte menschliche Erkenntnisvermögen; es sieht in weitere Räume, hat eine andere Schau, ein anderes Wissen, andere Bewusstseinsbegriffe als der menschliche Verstand und das menschliche Gefühl.

Dem menschlichen Mental könnte man vielleicht derart antworten; das UNENDLICHE ist in sich zwar frei von diesen Störungen, doch mit dem Beginn der Manifestation begann ebenfalls die unendliche Möglichkeit; und unter den unendlichen Möglichkeiten, die zu verwirklichen Aufgabe der universalen Manifestation ist, war die Verneinung ganz offensichtlich eine Möglichkeit, jene scheinbar so wirkungsvolle Verneinung der MACHT, des LICHTS, des FRIEDENS, der GLÜCKSELIGKEIT mit all ihren Folgen.

Auf die Frage, warum diese Möglichkeit angenommen wurde, lautet die Antwort des menschlichen Verstandes, die der Kosmischen WAHRHEIT am nächsten kommt, folgendermaßen: in den Beziehungen oder im Übergang des Einen GÖTTLICHEN zum GÖTTLICHEN in den Vielen wurde diese unheilvolle Möglichkeit an einem bestimmten Punkt zur Unvermeidlichkeit. Und einmal vorhanden, übt sie auf die SEELE, welche in die sich entfaltende Manifestation herabkommt, eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die diese Unvermeidbarkeit hervorruft, – eine Anziehung, die in menschlichen Begriffen auf der Erd-Ebene als Ruf des Unbekannten gedeutet werden kann, als die Freude an der Gefahr, an der Schwierigkeit, am Abenteuer, als Wille, das Unmögliche zu versuchen und das Unvorhersehbare zu verwirklichen, als Wille, das Neue und Unerschaffene mit dem eigenen Selbst und Leben als Stoff zu erschaffen, die Faszination der Widersprüche und ihre schwierige Harmonisierung.

Diese Dinge, übertragen auf ein anderes überphysisches, übermenschliches Bewusstsein, höher und weiter als das mentale, waren die Versuchung, die zum Fall führte. Denn für das ursprüngliche Lichtwesen, das im Begriff war, herabzukommen, gab es nur ein Unbekanntes, die Tiefe des Abgrunds und die Möglichkeiten des GÖTTLICHEN in der UNWISSENHEIT und UNBEWUSSTHEIT."

 

 

Ein Zeitsprung mit Herrn Reiter an die Anfänge seines Daseins als punktuelles Bewusstsein in diesem irdischen Milieu verdeutlicht das Gesagte: 

 

"Ich fühle, wie wenn ich durchs Weltall trudle. So eine Form – von Licht, von Lichtwesen.... 

Die Erde ist – noch ganz unberührt – Es ist, wie wenn ich im Theater wäre, und jetzt geht der Vorhang auf und irgendwie ahnt man schon von der Stimmung her, was da kommt. Aber man weiß noch nichts Konkretes, es ist noch nicht durchgeführt. Das ist eine große Erwartungshaltung und man ist schon fixiert auf die Erde. ...

M: Wie erscheinst du dir selbst? 

P: Zu dem Zeitpunkt denkt man nicht so sehr an sich. ...man vergisst das eher und schaut auf das, was da kommt. Da ist kein richtiges Selbstbewusstsein.

M: Ist es eine Art von Bewusstsein?

P: Ja, wenn man's räumlich beschreibt, ist es wie ein Punkt. Es ist kein Allbewusstes, obwohl man überall sein kann und alles erfassen, es läuft zusammen wie in einem Punkt. ... Es ist ein Punkt, wo wahrnimmt. – Ich weiß schon, dass ich in diesen Zeiträumen ein gewisses Bewusstsein habe, auch schon gewisse Empfindungen. Zum Beispiel die Schönheit, die Erwartung ... Die Erde ist überwältigend schön. Es ist, wie wenn viele Bilder aufeinanderliegen. 

M: Und was erwartest du?

P: Das ist, wie wenn man was hat, mit dem man nichts Richtiges anzufangen weiß und das einen aber doch unheimlich fasziniert; dann beschaut man es erst ganz intensiv und wird dann langsam mit den Erscheinungen vertraut. – Es ist noch mehr Spiel und man erwartet irgendwas ganz Aufregendes. – Man sucht eigentlich etwas in sich und dazu braucht man die Welt, paradoxerweise. Ich glaub sogar, letzten Endes ist die Welt in einem, das ist nur eine Trennung – das sind einfach Eindrücke, mit denen ich arbeite, um irgendetwas zu erfahren. – Ich bin nicht so belastet von irgendwelchen Verpflichtungen, fühle mich nicht so eingezwängt wie später, noch ziemlich autonom, ...

M: Wie fühlst du dich eingebunden in den Kosmos?

P: Wie allmächtig, das sagte ich schon. Ob ich von der Erde weg kann, weiß ich nicht, aber ich kann noch ziemlich frei denken. Wenn ich da sein will, bin ich da, wenn ich durch Sachen hindurch will, kann ich hindurchgehen, wie durch Stein. Man ist auch frei, wie man ein Ding anschaut, ob von innen, von außen, von der Seite, die Perspektiven sind völlig frei zu wählen. Ich kann die Welt von ganz oben sehen, ich kann mich bis ins kleinste Atom hindurcharbeiten. Da ist überhaupt keine Begerenzung.

Es gibt auch keine Unfreiheit, es gibt da noch keine Gegenüberstellung. Es ist schon eine Bindung da, aber mehr interessensmäßig. Die Erfahrungsintensität ist noch sehr schwach. Ich fühle mich mit mir selbst harmonisch. – Es gibt ja keine Begrenzung oder irgendwas, was ich fürchten sollte.

Das einzige, was ich etwas "fürchte", in Anführungszeichen, ist, was da kommen soll."

(a.a.O., s. 257-260)

 

Nach den ersten ungebundenen Erkundungsreisen in Freiheit durch den "Baukasten Erde" zog sich die Schlinge der Vorahnung zu: Es erfolgte die erste "Einkerkerung" in eine bleibende, materielle Hülle als Beginn der Ausarbeitung eines fernen Ziels, das sich selbst finden musste.

Ein Ausschnitt aus seinem Dasein als Winzig-Lebensform:

 

"Das ist, wie wenn eine Substanz erst eine Struktur sucht oder die ersten Schritte macht. Es sind erst mal ganz kleine Strukturen, um wenig zu brauchen und sehr flexibel zu sein. Die müssen erst Anpassungsprozesse machen, müssen lernen, umzugehen mit lebendigen Strukturen.  ... Es ist ein Schöpfungsakt, aber ein Schöpfungsakt, der unter Druck steht. 

M: Woher kommt dieser Druck?

P: ... Vielleicht weil ich Angst habe, da auch hineinzumüssen. ... Es ist wie ein langer Sprung, wie wenn ich vom Kirchturm springen müsste. ...

Das ist einfach das Bestreben, als Leben, als reproduzierendes Leben, also als dauernde Strukturen, auch wenn sie sich wandeln, Fuß zu fassen – mein eigenes Leben der Natur zu induzieren. Das ist der erste Ansatz von nicht determinierter Seinsform überhaupt. Und diese nicht determinierte Seinsform braucht man, um überhaupt hineingehen zu können. – Die Entwicklung muss ja ein selbsttragendes System sein. Das ist einfach der Versuch, etwas vom innersten Wesen da hineinzubringen, und das bedeutet praktisch, eine selbsttragende Entwicklungsreihe hineinzubringen, auch als Träger meiner eigendynamischen Entwicklung. – Es ist ein Anfang im organischen Bereich. 

M: Könnte man sagen, du identifizierst dich mit dem, was in diesen Strukturen abläuft, oder ist es ein aktives Mitwirken? 

P: Es ist ein Mitwirken, da bin ich sicher, aber es ist noch nicht so stark. Das Mitwirken wird stärker, je individueller das dann wird. Jedenfalls ist es eher bedrückend am Anfang. Irgendwie ahnt man ja, wozu das ist." (a.a.O., S. 242)

 

(pixabay/PublicDomainPictures)

 

 

Sri Aurobindo weiter in "Das Rätsel dieser Welt": 

 

 "Andererseits geht vom Göttlichen Einssein eine unendliche Billigung aus, mitleidsvoll, zustimmend, hilfreich, ein höchstes Wissen, dass all dies zu geschehen habe, dass das einmal Erschienene ausgearbeitet werden müsse, dass sein Vorhandensein in gewisser Weise Teil einer unermesslichen, unendlichen Weisheit sei, dass der Sturz in die NACHT zwar unvermeidlich war, doch das Auftauchen in einen neuen, noch nie dagewesenen TAG ebenfalls gewiss sei und allein auf diese Weise eine bestimmte Manifestation der Höchsten WAHRHEIT bewirkt werden könne – nämlich durch Ausarbeitung seiner formgewordenen Gegensätze als Ausgangspunkt der Evolution und als Voraussetzung eines umwandelnden Neu-Auftauchens.

In dieser [Göttlichen] Billigung war ebenfalls die Bereitschaft zum großen Opfer mit eingeschlossen, die Herabkunft des GÖTTLICHEN selbst in diese UNBEWUSSTHEIT, damit es die Bürde der UNWISSENHEIT und ihre Folgen auf sich nehme, damit es als avatar (Herabkunft) und vibhuti (göttliche Macht) vermittle und unter dem zweifachen Zeichen des Kreuzes und des Sieges der Erfüllung und Befreiung entgegenschreite ...

Die manifestierte Schöpfung ist durch diejenige Bewusstseinsmacht, der sie angehört, begrenzt, und sie erkennt und lebt ihr entsprechend; sie vermag erst dann mehr zu erkennen, machtvoller zu leben, ihre Welt zu verändern, wenn sie sich einer größeren Bewusstseinsmacht darüber öffnet, ihr entgegenstrebt oder sie zum Herabkommen bewegt. Dies aber findet in der Bewusstseins-Evolution unserer Welt statt, nämlich dass eine Welt unbelebter Materie unter dem Druck dieser Notwendigkeit eine Macht des Lebens, eine Macht des Mentals hervorbringt, die neue Schöpfungsformen in diese einbringen und schließlich dahingehend wirken, eine supramentale Macht zur Herabkunft zu bewegen. Darüber hinaus wirkt eine schöpferische Kraft zwischen zwei Bewusstseinspolen. Einerseits besteht zuinnerst und darüber ein geheimes Bewusstsein, das alle Möglichkeiten in sich birgt – dort ewig manifest, hier noch der Befreiung harrend –, ein Bewusstsein des Lichts, des Friedens, der Macht und Glückseligkeit. Auf der anderen Seite gibt es noch ein anderes, ein äußeres an der Oberfläche und unter uns, das vom scheinbaren Gegenteil ausgeht, von der Unbewusstheit und Trägheit, von blinder Kraft und der Möglichkeit des Leidens, und dieses wächst, indem es in sich immer höhere Mächte aufnimmt, die seine Manifestation in immer größeren Ausdrucksformen erstehen lassen. Jede Neu-Schöpfung dieser Art lässt einen Teil der inneren Macht in Erscheinung treten und ermöglicht hierdurch die Herabkunft der darüber wartenden VOLLKOMMENHEIT mehr und mehr.

Solange die äußere Persönlichkeit, mit der wir uns identifizieren, in den niederen Bewusstseins-Mächten zentriert ist, ist ihr das Rätsel ihres eigenen Daseins, ihres Zwecks, ihrer Notwendigkeit ein unlösbares Mysterium; wenn diesem äußeren mentalen Menschen überhaupt ein Stück der Wahrheit vermittelt wird, erfasst er sie nur unvollkommen, er missdeutet und missbraucht sie vielleicht und lebt ihrer nicht gemäß. Sein eigentlicher Wanderstab besteht eher aus dem Feuer des Glaubens als aus einem erlebten und nicht zu bezweifelnden Licht der Erkenntnis.

Nur indem er sich in ein höheres Bewusstsein erhebt, jenseits der mentalen Grenze, das ihm daher zur Zeit noch überbewusst ist, kann er aus seiner Unfähigkeit und Unwissenheit auftauchen. Seine volle Befreiung und Erleuchtung wird kommen, wenn er die Grenzlinie überschreitet und in das Licht eines neuen, überbewussten Daseins eintritt. Das ist die Transzendenz, die das Ziel der Mystiker und spirituell Suchenden ist.

Doch an der Schöpfung würde dies an sich nichts ändern. Das Entweichen einer befreiten Seele aus der Welt verändert diese Welt nicht. Doch wenn das Überschreiten der Grenzlinie nicht nur einem Aufsteigen, sondern auch einer Herabkunft zugewandt wäre, bedeutete dies die Umwandlung der Linie von dem, was sie jetzt ist, ein Lid, eine Barriere, in einen Durchgang für die höheren Bewusstseinsmächte des [absoluten] SEINS, die sich jetzt noch über ihr befinden. Es würde eine neue Manifestation auf Erden bedeuten, ein Einbringen höchster Mächte, die die Grundbedingungen hier völlig umkehrten, und zwar derart, dass dies eine Schöpfung hervorbrächte, die in die volle Flut spirituellen und supramentalen Lichtes erhoben wäre, an Stelle einer, die sich in das Halblicht des Mentals aus der Finsternis stofflicher Unbewusstheit erhebt.

Nur in solchem vollen Licht des verwirklichten Spirits könnte das verkörperte Wesen die Bedeutung und zeitweilige Notwendigkeit seines Herabstiegs in die Finsternis und deren Bedingungen erkennen – und alles, was damit verbunden ist – und diese gleichzeitig auflösen und lichthaft verwandeln in eine Erdmanifestation des befreiten und nicht mehr des verhüllten und verborgenen oder scheinbar entstellten GÖTTLICHEN.“

 

Im Bereich des Supramentals herrscht Göttliche Harmonie. Dort gibt es keine Gegensätze wie Gut oder Böse, Leid oder Freude, etc. Mit dem einstigen Herabstieg des Göttlichen durch die Bereiche des Obermentals bis hinunter auf die irdische Ebene der Manifestation erfolgte eine immer differenziertere Aufspaltung in scheinbare Gegensätze. Mit unseren fünf Sinnen erfassen wir nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt, noch weniger den Sinn dahinter und die Verbindung zum großen Ganzen.  

In diesem irdischen Milieu ist das Wirken jener Göttlichen Bewusstseinsmacht, die alle Gegensätze zugleich als Harmonie erfasst, begrenzt durch die hier vorherrschenden und auf Trennung basierenden Gesetzmäßigkeiten der irdischen Natur, der auch unsere Körper unterworfen sind. Es geht während der Transformation äußerst behutsam vor, hebt sie Schritt für Schritt und Zellgruppe für Zellgruppe auf, in perfekter Interaktion mit der Ablösung des niederen Mentals und Vitals und der gleichzeitigen Macht-Übernahme durch das Göttliche Bewusstsein. Würde das Supramentale Bewusstsein zu schnell vorgehen, würde es unsere Egos "pulverisieren", wie Mutter es ausdrückte. Ganz zu schweigen vom Aufbäumen der globalen Widerstände, die sich durch die Vernetzung  massiv erheben und das ganze erschweren. 

Trotzdem kann auf Dauer nichts auf der Erde der Macht des Supramentalen Lichts widerstehen. Sie schreitet unaufhörlich vorwärts.

Gott ist Alles was ist, in verschiedenen Stadien der Verwirklichung begriffen. Nichts existiert außerhalb von Ihm. ER hat beschlossen, jetzt all das aus der irdischen Schöpfung zu entfernen, von dem Er möchte, dass es nicht mehr sei: Die vermeintliche, schmerzhafte Trennung wird es nicht mehr geben. 

 

 ***

 

"Warum hat die göttliche Ordnung nicht alles in der Freude eingerichtet? Nicht immer führt Leid zur Vollendung, sondern es stürzt einen viel öfter in unheilbare Verzweiflung." (Maurice Magre) 

 

Mutter, 31. Dezember 1963:

 

"Die Welt füllte sich mit bedrohlich-bösen Energien,

wohin sein Auge sich auch wandte, um Hilfe oder Hoffnung zu erlangen,

in Feld und Haus, in Straße, Markt und Lager,

er stieß nur auf Raubzüge, verstohlnes Kommen und Gehen

bewaffneter, bedrohlicher, verkörperter Beeinflussungen.

Ein Aufzug von Göttin-Gestalten, nackt und finster,

ängstigte die Luft mit einem grandiosen Unbehagen.

Es nahten sich unheimlich unsichtbare Schritte,

Gestalten, die erschreckten, drangen in dies Traumlicht ein,

und unheilvolle Wesen begegneten ihm auf dem Weg,

deren starrer Blick schon ein Unglück war.

Plötzlich und schrecklich nahte sich ein Zauber, eine Lieblichkeit,

Gesichter, die verführerisch Lippen und Augen auf ihn richteten,

gewappnet mit der Schönheit wie mit einem Fallstrick,

die aber einen unheilvollen Sinn in jeder Linie bargen

und jeden Augenblick sich in Gefahr verwandeln konnten.

Nur er erkannte diese wohl verschleierte Attacke.

(Savitri, II.VII.205)

 

Man fragt sich... das ist wie etwas Klebriges, das einen auf allen Seiten umgibt. Man kommt nicht voran, man kann nichts tun, ohne diesen schwarzen, klebrigen Fingern der Lüge zu begegnen. Das war ein schmerzliches Gefühl.

Letzte Nacht kam eine Art Antwort. Heute morgen, als ich aufstand, erinnerte ich mich noch undeutlich, aber mitten in der Nacht wußte ich es genau (das ist kein Übergang vom Schlaf in den Wachzustand, sondern man geht vom einen Zustand in den andern, und als ich aus diesem Zustand heraustrat, um wieder in den sogenannten Normalzustand zurückzukehren, erinnerte ich mich noch sehr gut), es war, als ließe man mich die MÖGLICHKEIT leben, wie diese Lüge in Wahrheit zurückverwandelt werden konnte, und das war so fröhlich!... So freudig. Diese Schwingung gleicht der Freude, welche die Vibration der Lüge auflösen und überwinden kann. Das war äußerst wichtig: nicht die Anstrengung, nicht die Geradheit, nicht die Gewissenhaftigkeit, nicht die Strenge, nichts von alledem hatte irgendeine Wirkung auf diese Traurigkeit der Lüge – etwas so Trauriges, so Machtloses, so Erbärmliches... so erbärmlich. Nur eine Schwingung der Freude vermag das zu ändern.

Diese Schwingung floß wie silbriges Wasser – sie vibrierte und sprudelte wie silbriges Wasser.

Das bedeutet, dass weder Strenge noch Askese, nicht einmal eine intensive und ernsthafte Aspiration, keinerlei Art von Strenge und all diese Dinge je eine Wirkung haben. Keinerlei Wirkung – die Lüge bleibt dahinter bestehen, ohne sich zu rühren... Aber dem Sprudeln der Freude kann sie nicht widerstehen. Das ist interessant.

(Schweigen)

In seinem Text beschreibt Sri Aurobindo, wie der Herr die Gegensätze, die Widersprüche zusammenführt, damit sie sich gegenseitig bekämpfen, und wie dieser Wille, dieses Wirken ihm ein sardonisches Lächeln abringt (dies ist mein Kommentar).

 

Er stieß auf eine noch unbebaute Gegend, welche niemandem gehörte:

Dort konnten alle hingehen, wenn auch nicht verweilen.

Es war ein Niemandsland mit unheilvoller Atmosphäre,

mit übervölkerter Nachbarschaft, doch gab es dort kein Heim;

es war ein Grenzland zwischen Welt und Hölle.

Dort war Unwirklichkeit die Herrin über die Natur.

Es war ein Raum, wo gar nichts wahr sein konnte,

denn nichts war das, was es zu sein behauptet hatte:

Ein hoher Anschein hüllte eine weitläufige Leere ein.

Doch würde sich dort nichts zu seiner Verstellung bekennen,

nicht einmal vor sich selbst im eignen zwiespältigen Herzen.

Denn dort war das Gesetz der Dinge ein riesiger Betrug.

Allein durch diese Täuschung konnte man dort leben.

Ein Nichts, ganz leer von jeglicher Substanz, war der Garant

für die Falschheit der Formen, die die Natur dort annahm

und die sie eine Zeitlang scheinbar sein und leben ließ.

Aus jener Leere zog sie eine ausgeliehene Magie hervor.

Sie eigneten sich Form und Stoff an, die ihnen nicht gehörten,

und zeigten eine Färbung, die sie nicht bewahren konnten,

Spiegel für Trugbilder der Wirklichkeit.

Jedwede Regenbogen-Herrlichkeit war dort nur raffinierte Lüge.

Unwirkliche Schönheit zierte hier ein berückendes Gesicht.

Man konnte sich auf nichts verlassen, daß es bleibe:

Die Freude nährte Tränen, und das Gute erwies sich bald als Böses,

doch niemals pflückte jemand aus dem Bösen etwas Gutes.

Die Liebe endete gar bald in Haß, Freude ward durch den Schmerz getötet,

die Wahrheit wurde bald zur Lüge, und der Tod beherrschte das Leben.

Und eine Macht, die über alle Bosheiten der Welt lachte,

und eine Ironie, die sich auf der Welt Gegensätzlichkeiten einließ

und sie zum Kampf einander in die Arme hetzte,

prägte das Antlitz Gottes mit dem Zug sardonischer Zerrissenheit.

(Savitri, II.VII.206)

 

Zu diesem Text bat mich H. um eine Illustration. Ich sah das Bild: das Antlitz des Herrn mit einem sardonischen Lächeln. Aber dann, nach dieser Erfahrung der letzten Nacht, änderte sich heute morgen plötzlich der Gesichtsausdruck: Ich sah das Bild des wahren Schmerzes eines tiefen Mitgefühls – ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll... Das sardonische Lächeln wandelte sich: von sardonisch zu bitter, von bitter zu schmerzlich und schließlich erfüllt von einem außerordentlich tiefen Mitgefühl...

(Schweigen)

So ließe sich sagen: Die Lüge ist der Schmerz des Herrn, und seine Freude ist die Heilung aller Lügen.

Der Schmerz musste zum Ausdruck kommen, um aus der Schöpfung ausgelöscht zu werden.

Der Schmerz ist die Lüge – der Schmerz des Herrn, der Schmerz in seiner Essenz ist die Lüge.

In der Lüge leben, heißt demzufolge, dem Herrn Schmerz bereiten.

Das eröffnet Horizonte...

Seine Freude ist die Heilung für alles.

So präsentiert sich das Problem von der anderen Seite aus gesehen.

Wenn man den Herrn liebt, kann man ihm keinen Schmerz bereiten, also kehrt man notgedrungen der Lüge den Rücken und tritt ein in die Freude.

All das sah ich letzte Nacht. Es war ganz silbern. Silbern, silbern...

Ich sah sogar die Schwingungsart der Zellen: die Schwingungen waren silbrig, sprudelnd, bebend, aber sehr gleichmäßig und präzise... (wie soll ich das beschreiben?...) Es bezeichnete den Gegensatz zur Lüge in den Zellen, wie winzige Explosionen silbrigen Lichts.

Dies (die Lüge) ist das große Hindernis, es stellt die äußerste Schwierigkeit dar. Wie etwas Klebriges, das in die Schöpfung eingedrungen ist, das allem anhaftet und sogar zu einer materiellen Gewohnheit geworden ist, denn die Lüge steckt nicht nur im Mental sondern auch im Leben, im Leben selbst. Ich weiß nicht, ob sie auch im völlig Leblosen existiert... Vielleicht ist sie mit dem Leben gekommen? (Savitri zufolge liegt der Ursprung der Lüge im Leben). Aber es scheint, als habe das Unbewusste, um zum Bewusstsein zu gelangen, um zum Bewusstsein zurückzufinden, den Weg der Lüge und des Todes gewählt, anstatt den der Wahrheit.

Das ist wirklich Die Lüge: der Schmerz des Herrn.

Ich wurde um eine Neujahrsbotschaft für das kommende Jahr gebeten, und da kamen mir ständig Dinge dieser Art, deshalb sagte ich nichts. Man würde es sowieso nicht verstehen – wenn man nicht selber die Erfahrung gemacht hat, ist es unverständlich. Und wenn man es so direkt sagt, auf fast dogmatische Weise: "Die Lüge ist der Schmerz des Herrn", dann besagt es nichts.

Und wenn man es poetisch ausdrückte, wäre es auch nicht mehr wahr.

Oder wenn man sagt: "Die Lüge ist die Art des Herrn, unglücklich zu sein" (Mutter lacht), würden das die Leute nicht ernst nehmen."

 

Tatsächlich ist das vollkommene Fehlen jeglicher Freude eine der schmerzhaftesten Erfahrungen, wenn man in den Yoga der Körperzellen eintritt. Dort ist alles "tragisch", "dramatisch", "leidvoll", "schmerzhaft" bis "boshaft" und absolut unwillig, so etwas wie Freude überhaupt in Erwägung zu ziehen. Mit der Zeit erkennt man diesen Bann, wie Sri Aurobindo es ausdrückte, und man beginnt, die Freude "anzurufen", dass sie wiederkehren möge. Mutter drückte es in anderem Zusammenhang sinngemäß so aus: `Wenn diese dunklen Herren kommen, bereite ich ihnen immer einen entsprechenden Empfang. Man muss sie auslachen und wegschicken!´

Auch, wenn man anfänglich immer wieder auf diese klebrige Lüge hereinfällt: Es gelingt immer schneller und leichter, sie zu verscheuchen. Dann blitzt darunter ein Schimmer von Freude auf, eingeschlossen in den Körperzellen, die ursprüngliche Kraft hinter der Manifestation. Ungeachtet der äußeren Umstände. 

 

(pixabay/bugent)

 

Wir sind und waren nie allein

 

Dr. Peter Reiter befragt zum Eintritt in das Sein: 

 

"Ich seh etwas strahlen ... Es ist wie ein heller Lichtpunkt, da steht eine Figur darin und hält an der Hand einen ganz kleinen Jungen. ... es ist ein eher junger Typ – (alles sehr leise, zurückhaltend, erschüttert gesprochen). ... Auf jeden Fall etwas Ehrfurchtsvolles, was Heiliges. ... Es ist wie ein Oval, wie ein Torbogen, von dem aus etwas unheimlich Helles rausstrahlt. Es badet diese Gruppe in einem Licht, wie wenn im Nebel was Helles strahlt. Es ist ein diffuses und doch fließendes Licht; kaum zu glauben – nicht so ein direkt strahlendes, wie wir kennen. ...

M: Was bedeutet diese Bild? 

P: Das weiß ich nicht, aber da ist etwas Bewegendes dabei. 

M: Frage dein höheres Selbst.

P: (weint stark) Wenn ich's nur wüsst. – (schluchzt immer noch) ... unheimliche Sehnsucht. – Es ist auf jeden Fall etwas Heiliges und gleichzeitig etwas unheimlich Liebes. Und das Kind fühlt sich da ganz wohl, an der Hand. ... 

M: Wer ist dieses Kind? 

P: Das ist ein Symbol ... Mein Symbol ... der kleine Junge, der sich schon ein bisschen entwickelt hat, aber doch unheimlich klein ist, und er braucht – (Weinen) – der hat jemand, der ihn führt durch's Leben, auch wenn  er ab und an hinfällt und ...man ist ein eigenes  Wesen, aber da ist jemand da, der einen hält, zwar nur an einer Hand, aber – sicher und ganz ruhig... " (a.a.O., S. 282, 283)

 

Es sollte viele Inkarnationen dauern, bis er am Ende eines Lebens wieder mit dieser liebevollen Präsenz in Berührung kam.  Vielleicht der Ruf und Beginn seiner spirituellen Suche? 

 

 

Ich für mein Teil glaube darauf bestehen zu dürfen, dass Gott sich mir in der Welt so gut schenkt wie außerhalb. Warum hätte Er sie denn überhaupt erschaffen, wenn Er sich vor dieser Pflicht drücken wollte?

 

  Sri Aurobindo

 

 

Und nun ...? 

 

Ein kritisches Ego mag dagegen aufbegehren, dass wir einem "Geist hinter den Dingen" – den wir gar nicht mehr Gott nennen wollen, da dieses Wort so unendlich pervertiert wurde – mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind und hinnehmen müssen, was er mit uns vorhat. Dagegen ist auch ein Sadhak auf dem Weg des Integralen Yoga nicht automatisch immun.  

Sri Aurobindo drückte es in seiner bekannt humorig-tiefsinnigen Weise so aus:

 

"Ich glaube mit euch, meine Freunde, dass Gott, wenn es Ihn gibt, ein Bösewicht und ein Scheusal ist. Was aber wollt ihr schließlich dagegen tun?"

 

An anderer Stelle bezeichnete er Gott als den größte Egoisten von allen. 

 

Das wirklich Groteske daran ist: WIR ALLE sind Gott in Aktion, der akzeptierte, sich für eine Weile selbst zu vergessen, quasi den Überblick über Sein umfassendes, wahres Selbst mit all der Ihm innewohnenden Macht vermeintlich zu verlieren, um ein höheres Ziel zu verwirklichen. Wir stehen kurz davor, dass uns die Schuppen von den Augen fallen und uns diese Erkenntnis zurückgegeben wird.

Was bedeuten schon die angekündigten, noch etwa 200 Jahre, bezogen auf die gesamte Dauer der Evolution, bis das erste Supramentale Wesen auf der Erde erscheint? Dann wird "DIE Panik" ausbrechen und nicht zu vermeiden sein, dass viele Seelen diese Welt verlassen, weil ihre Körper nicht darauf vorbereitet sind. Die Erfahrung ist real, dass schon eine geringe Dosis des Wahrheitsbewusstseins das ganze Sein zum Erbeben bringen kann.

 

Dieser furchtbar ungerechte Gott nutzt alle Menschen gleichermaßen, um an Sein Ziel zu gelangen: die Bewussteren, die altruistisch Tugendhaften, jene, die mit ihrem Leben, so wie es ist, zufrieden sind und nicht nach mehr streben, sowie die grausamen Bösen und etliche Variationen dazwischen. Der einzige Unterschied zwischen jenen besteht darin, dass die ersten schon etwas von Seinem Wirken hinter den Kulissen erahnen, ihm lauschen und mehr und mehr aus dem Weg gehen; die zweiten zu wissen glauben, wie ER wirkt und IHN eifrig "unterstützen", wobei sie mehr im Weg stehen oder sich selbst beschummeln; und die letzten IHN aus ihrem Leben ausklammern oder gar bekämpfen.

Ohne auch nur zu ahnen, dass ihre Handlung vielleicht gerade dazu benutzt wird, einer anderen Seele die Erfahrung zukommen zu lassen, die sie in diesem Leben anstrebte. Nichts wird verschwendet, niemand ist "nutzlos" im großen Konzert der Evolution.

Trotzdem werden in dieser Zeit der "Stunde Gottes" weitreichende Chancen eröffnet und Weichen gestellt für den Ablauf unserer nächsten Inkarnationen, die wir bewusst nutzen können.

Eine große Macht liegt in diesen Worten der Mutter: Wer sich weiterhin zu sehr auf die gegnerische Seite einlasse und gegen IHN ankämpfe, wird auf eine tierähnliche Stufe zurückfallen. Ihm wird das Mental genommen, das für den Zustand unserer heutigen Welt verantwortlich ist. 

 

Es ist nicht fünf Minuten vor zwölf Uhr, die letzten Sekunden sind bereits angezählt.  Es liegt also an uns, noch ein paar Leben zu vertrödeln, Ausreden anzuführen, unnötig zu leiden und uns gleichzeitig darüber zu beschweren – wie es mir andauernd entgegenschlägt – wie Gott all das Leid zulassen kann und wie man an so einen Gott glauben soll?

Oder aber endlich aus dem Weg zu gehen, Seine auf Dauer uneingeschränkte Macht über unser kleines, vernünftelndes ego anzuerkennen und IHN Seine Arbeit tun zu lassen. Nicht passiv nach dem Motto "Warten wir erst mal ab, was er zu bieten hat ...", denn das allein reicht nicht aus. Sondern in dem festen Glauben an und dem Streben nach einer besseren Welt: Jener Neuen Welt, deren Kommen die Seher und Mystikern seit Jahrtausenden ankündigen.

Unsere innere Haltung ist der Antriebsmotor, all das, nicht nur für uns selbst, zu beschleunigen. Glaube ist Aktion, Gedanken haben Macht, das Bewusstsein eines Einzelnen wirkt auf das Ganze ein. Karma kann dadurch verändert und getilgt werden und weitere leidvolle Inkarnationen vermieden.

 

"Wie Du willst, Herr!

Dein Wille geschehe!

Handle durch mich, wie DU es für richtig hältst!" 

 

Dann werden unsere kühnsten Träume und Wünsche in Erfüllung gehen und noch viel mehr, was wir uns nicht annähernd vorstellen können. Das ist gewiss.

 

 

Es gibt eine Macht, worüber keine Regierung verfügt, ein Glück, das kein irdischer Erfolg einbringt, ein Licht, das von keiner Weisheit besessen wird, ein Wissen, das man durch keine Philosophie, keine Wissenschaft erwerben kann, eine Seligkeit, in deren Genuss man durch keine Befriedigung von Begierden kommt, einen Durst nach Liebe, den keine menschliche Beziehung stillt, einen Frieden, den man nirgends findet, auch nicht im Tod. 

Das sind die Macht, das Glück, das Licht, das Wissen, die Seligkeit, die Liebe und der Friede, welche die Göttliche Gnade bewirkt. 

 

Mutter

 

 

 

 Wo bleibt euer Mut? Was habt ihr schon dabei zu verlieren? 

ER kennt eure Lebensumstände, eure Schicksale, eure scheinbaren Hindernisse, eure Verpflichtungen und Bindungen. Das alles wird ER berücksichtigen und euch so schnell und behutsam wie möglich nach Hause führen – raus aus Tod, Schmerz und Leid. 

Niemand, der euch nahesteht, geht verloren.  

ER ist das, was ihr hinter jedem Wunsch, jeder Begehrlichkeit und jedem Sehnen nach Glück in Wirklichkeit sucht – schon immer. 

Aber ihr müsst damit anfangen, JA zu sagen. Und das so lange, bis ihr am Ziel seid.

 

 

 

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Zuletzt bearbeitet am 25. Juni 2018


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