Immer auf dem "sonnenhellen Pfad"?

 

 

Gott ist der höchste Jesuitenvater. Stets tut er Böses, damit Gutes daraus entstehe, führt stets irre, um eine größere Führung zu begünstigen, unterdrückt stets unseren Willen, dass dieser zuletzt unendliche Freiheit erlange. 

 

Sri Aurobindo

(pixabay/kellepics)

 

Gott wird Gestalt annehmen, während die Weisen schwatzen und schlafen. Denn der Mensch wird des Kommens nicht gewahr, bis die Stunde schlägt, und es wird keinen Glauben geben, bis das Werk getan.

 

Sri Aurobindo, Savitri 1/4 

 

 

Es ist richtig, immer nach dem Licht zu streben, sich um Gleichmut zu bemühen, am Glauben festzuhalten und in Hingabe zu üben.   

Aber es ist ebenso realistisch, dass einem das nicht durchgehend gelingt. Wäre dem so, gäbe es wesentlich mehr Menschen, die diesen Weg einschlagen. „Nicht einer unter fünfzig Millionen hat den Mut dazu“, sagte Mutter. Man versteht, was sie meint, sobald man sich ernsthaft auf den Weg macht.

Sri Aurobindo merkte irgendwann an, sein Enthusiasmus sei verflogen und er habe das Gefühl, dieses Mental der Zellen würde sich ständig nur im Kreis drehen, unfähig, sich zu ändern. Später erkannte er, Mutters Körper wäre hingebungsvoller und sie würde es vollenden. Diese Voraussage sollte sich Jahrzehnte später erfüllen.  

 

So erfährt man, wenn man selbst an diesen Punkt kommt, sich ständig wiederholende Phasen der Dunkelheit, wenn die Schicht des Unbewussten und Unterbewussten über den Zellen berührt wird. Es ist zermürbend. Steigen die Eindrücke des Einzellers in das verfeinerte Tagesbewusstsein eines modernen Menschen des 21. Jahrhunderts hoch, ist das wahrlich erstickend. Es verschlingt einen regelrecht und wird für eine Weile „persönlich“, wie Mutter es nannte.

 

Am 7. April 1973 geriet sie selbst an den Rand des Umschwungs: 

 

„Ich scheine alle Widerstände dieser Welt zu vereinen … Einer nach dem anderen kommen sie … Wenn ich auch nur eine Minute lang nicht das Göttliche anrufe und in mir fühle, empfinde ich einen solch unerträglichen Schmerz, mein Kind! Inzwischen zögere ich sogar, den Leuten von „Transformation“ zu erzählen, denn wenn dies das Resultat ist, dann muss man wirklich ein Held sein … Etwas im Körper möchte ununterbrochen aufschreien.“

 

Mutter fand kurze Zeit danach den „Durchgang“.

 

 

Ich weiß, dass das Gegenteil dessen, was ich sage, wahr ist; im Augenblick aber ist, was ich sage, noch wahrer. 

 

Sri Aurobindo

 

Eine große Schwierigkeit beim Studieren von Sri Aurobindos und Mutter Schriften ist grundsätzlich, dass sie ihre Erkenntnisse immer wieder dem Fortschreiten ihrer eigenen Forschung anpassten. Denn unser Verstand hat gern etwas Verlässliches, etwas, auf das er bauen kann, etwas, das sich nicht ändert. Veränderung ist ihm ein Graus.

Wenn Satprem einen älteren Text ins Bulletin aufnehmen wollte, sagte Mutter häufig „Das ist alt! Mir kommt das so alt vor!“, und lachte ihr ironisches Lachen. 

Aber wer von uns ist bereits am Ziel? Es kommt darauf an, auf welcher Stufe unserer Reise und unseres Bewusstseins wir stehen. Haben wir Vertrauen, werden wir zu gegebener Zeit an genau die Textstelle geführt, die wir momentan brauchen, um Zurückliegendes zu verarbeiten und weiterzugehen.

Und doch gibt es Phasen, in denen uns nicht einmal mehr das weiterhilft oder Halt gibt. Sinken wir hinab in die defätistischen Bereiche des Vitals oder Körpermentals werden nicht selten diese Widersprüchlichkeiten der Aussagen von Sri Aurobindo und Mutter gegen uns "ausgespielt", um unseren Glauben ins Wanken zu bringen.   

 

Liest man Satprems Carnets d'une Apocalyse, so kannte auch er die herausfordernden Phasen der Agonie, der Dunkelheit, der scheinbaren „Krankheiten“, die im Grunde nichts anderes waren als der Widerstand des alten Systems gegen das Einwirken der supramentalen Macht. Nicht zu vergessen die für uns schwer erfassbare Anbindung an das irdische Schwingungsnetz, das sich mit erhebt, was dem Weg diese unerbittliche Härte verleiht. 

 

In "Der Aufstand der Erde" schreibt Satprem: 

 

"Seit sieben Jahren stecke ich darin, allein, von der Welt abgeschnitten – und dennoch habe ich nie zuvor so viel von der Welt gesehen! Dieser Schrecken! Die Erde ist so besessen wie in keinem Mittelalter.

Nach Mutters und Sri Aurobindos Erfahrung hatte ich verstanden, dass ich um jeden Preis alleine und gut verborgen sein musste, um diese Arbeit zu tun. Physisch ist man verborgen, aber alle unterirdischen Gänge der Erde münden bei euch, mit allerhand bösem Zauber. Als bekäme man es mit allem zu tun." (S. 56)

 

Nicht anders ergeht es einem selbst: Bei den zum Glück zeitlich begrenzten, rhythmisch wiederkehrenden Höhepunkten der Arbeit am körperlichen Zellmental werden Hingabe, Vertrauen in die Göttliche Führung, Sri Aurobindo oder Mutter schlichtweg erstickt unter Unsicherheit, Zorn, Depression, Zurückweisung ihrer Gnade, Unglaube, Verzweiflung oder Agonie. Perioden, in denen bestimmte Regionen im Körper hunderte Male bearbeitet werden und man scheinbar nicht den geringsten Fortschritt verspürt. Unterstützt von den unheilvollen Worten: „Was hast du dir nur angetan? Da kommst du jetzt nie mehr raus! Und das soll die viel gerühmte Transformation sein?!“ 

Und genau das ist sie: DIE LÜGE. Wenn man diesen Punkt zum ersten Mal berührt hat, darf man nicht stehenbleiben oder umkehren, ab da beginnt die wirkliche ARBEIT. Man muss dem Widersacher die Stirn bieten, sowohl im Außen als auch im eigenen Körper. Es gilt, dem Supramentalen Licht immer wieder die Möglichkeit einzuräumen, diese zersetzenden Kräfte zu erschöpfen. Das eigentlich Schwierige daran ist das Stillhalten und Aushalten

 

Das Göttliche Bewusstsein nutzt bekanntlich alle möglichen Wege, um uns zu helfen, den Weg zu durchlaufen. So wurde ein einziger Satz aus einem mehrteiligen amerikanischen Blockbuster erinnert, der sich in diesen dunklen Phasen immer öfter wie von selbst erhob: "Das ist nicht real!" Im besagten Film wurde die Hauptdarstellerin durch eine chemische Substanz immer wieder in ihre eigene virtuelle Welt versetzt, um ihren schlimmsten und verborgensten Ängsten zu begegnen. In einer dieser schier ausweglosen Situationen erhob sich etwas in ihr über diesen Einfluss und erkannte im Angesicht des Todes: "Das hier ist nicht real". Augenblicklich war sie in der Lage, aktiv in das Geschehen einzugreifen und sich zu befreien.

Diese bildgewaltige Szene hatte wohl ob ihrer Symbolhaftigkeit einen Eindruck hinterlassen, der Monate später in einer ähnlich empfundenen Situation wie von selbst seinen plötzlichen Ausdruck fand und hilfreich zur Anwendung kam. 

Es ist immer wieder erstaunlich, welch unerwartete, "zeitgemäße" Mittel das Göttliche Bewusstsein nutzt, um uns hilfreich zur Seite zu stehen. Nicht zuletzt, um unser angestaubtes Gottesbild zu demontieren, das oft genug im Wege steht. Wie gern denken wir doch: Gott ist nur dies, aber nicht das.  

 

Es kann nicht oft genug wiederholt werden: Man kommt wieder heraus, auch, wenn man sich das in dem Moment nicht vorstellen kann. Die Lüge ist raffiniert, und solange wir nicht transformiert sind, versuchen wir immer wieder, uns der herkömmlichen, lügenhaften menschlichen Mittel zu bedienen, sie zu entlarven. Wird durch die Supramentale Transformation alles Lügenhafte entwurzelt, so betrifft das eben auch diese unzulänglichen Werkzeuge der Wahrnehmung, durch die wir diese Welt begreifen und in ihr existieren. Das macht es so herausfordernd.

 

Es bedarf unter Umständen einer langen Übergangszeit, bis das erste Licht durchbricht. Doch der Fortschritt ist gewiss. Bis wir das mit unseren neugeborenen Sinnen spürbar erfassen, wird die Geduld jedoch einer Zerreißprobe unterzogen. Eine Glaubensformation nach der anderen, in einer Körperregion nach der anderen, wird dem System entrissen. Man nimmt wahr: DAS zieht uns beharrlich gegen unseren Widerstand in eine andere Richtung. Mit einem entzückenden Lächeln hält es den Zug sanft aber unnachgiebig aufrecht:  „Komm, lass schon los … Du brauchst das nicht mehr.“

Und man erfährt buchstäblich am eigenen Leib, wie etwas in uns geradezu bockig am Bisherigen festhalten möchte. Obwohl es Dummheit ist und den Schmerz länger als nötig am Laufen hält. Doch wir wissen es (noch) nicht besser. Erst, wenn wir ein Stück weit fortgeschritten sind.  

 

Ob uns das gefällt oder nicht: Einen anderen Weg gibt es nicht. Sri Aurobindo und Mutter haben die Tore in die Neue Welt geöffnet. Jetzt ist es an uns, dem Supramentalen Licht durch diese "Geisterbahn" der Urzeiten bis auf den tiefsten Grund zu folgen und uns auf ihrem Rücken weitertragen zu lassen. Sie räumt alle Hindernisse aus dem Weg – bis wir den Ausgang erreichen und in einem neuen Licht und einer neuen Luft wieder auftauchen.

Immer öfter erhaschen wir dabei einen Blick auf die Morgenröte.  

 

 

Irgendwann passiert es: Ein zartes, nicht mehr erwartetes Aufwallen grenzenloser Liebe im Innersten, ausgelöst durch ein anrührendes Musikstück, lässt unsere Rüstung zusammenbrechen und wir schmelzen in erlösendem Weinen in den Armen des Herrn dahin. 

Anfänglich nur vereinzelt werden die Momente zahlreicher, anhaltender, intensiver und in immer kürzeren Abständen. Schon nicht mehr daran geglaubt ist die brackige Schicht über den Zellen dünner geworden, das Göttliche Licht bricht durch und das für lange Zeit im Untergrund wirkende psychische Westen tritt immer öfter an die Oberfläche. 

Man kann diese Momente nicht in Worte fassen. Von tiefer Dankbarkeit ergriffen sinkt man auf die Knie und erkennt die wirkende Kraft eines Sri Aurobindo und der Mutter, die uns nie verlassen haben. Man fühlt sich liebevoll in den Arm genommen und möchte sich nicht mehr rühren.

Man blickt auf die Fotografie im Regal, in die Augen eines Sri Aurobindo, der einem plötzlich unendlich vertraut vorkommt. Ein anhaltendes Aufwallen von Liebe, Dankbarkeit und Hingabe ergreift das Sein. Man fühlt sich überfordert von dieser schon vergessenen sanften Regung, nach jenen Zeiten im Urgrund der Materie, als man sich vollkommen alleingelassen fühlte.  

Und plötzlich lächelt man dem Widersacher in all seinen erfahrenen Formen still ins Gesicht: `Du wirst verlieren! Der Sieg gehört dem Göttlichen! Ich weiß es jetzt!´

 

Nichts hält dem Supramentalen Bewusstsein stand – NICHTS. Man darf nie den Fehler begehen, das eigene begrenzte Vermögen der Sinne mit der Macht und Wahrnehmung des Göttlichen zu verwechseln, denn das ist immer zum Scheitern verurteilt. Man muss mit diesem Bewusstsein eins werden, um zu erkennen. Deshalb Mutters unentwegtes Beharren auf der Haltung: „Wie Du willst, Herr!“ – der Herr WERDEN. 

DAS allein hat die Macht, uns vollkommen zu durchdringen und da hindurchzutragen. Und dazu müssen wir AUS DEM WEG GEHEN, das Ego zurückpfeifen, zur Ruhe zwingen, die Füße stillhalten. Der Herr braucht unsere Hilfe nicht. 

 

Nur unser anhaltendes JA.  

 

 

 

Was nützt es, nur zu wissen? Ich sage dir: handle und sei, denn dazu sandte dich Gott in diesen menschlichen Leib. 

Was nützt es, nur zu sein? Ich sage dir: werde, denn dazu wurdest du als Mensch in diese Welt der Materie hineingesetzt. 

 

Sri Aurobindo

 

 

 

 

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