ERWACHE UND WOLLE

(pixabay/cocoparisienne)

 

 

Auf dem Weg des Intergralen Yoga durchläuft man Phasen großer Erschöpfung. Oder Zeiten, in denen man glaubt, alles sei zum Stillstand gekommen und nichts bewege sich mehr vorwärts. Als wäre man unter einem lähmenden Nebel gefangen. Sehr leicht verfällt man dann in Mutlosigkeit oder Pessimismus (die allerdings auch von äußeren negativen Einflüssen herrühren können). 

Unser Körper wird von einer immensen Macht bewegt, bis ins kleinste Atom aufgebrochen und gewandelt, das darf man nicht vergessen. Er braucht Ruhephasen, Zeiten der Assimilierung des Supramentalen Lichts und der Anpassung, um weiter in der Welt funktionieren zu können. Etwas uns unbekanntes Neues übernimmt Schritt für Schritt die Herrschaft, während gleichzeitig die alte Funktionsweise ihre Herrschaft Schritt für Schritt abgeben muss. Für lange Zeit existiert beides gleichzeitig in uns. Die Transformation braucht Zeit, aus Rücksicht auf unsere Zerbrechlichkeit. 

 

In den beschriebenen Phasen kommt voll zum Tragen, was wir unter Hingabe oder Überantwortung verstehen sollen: Es geht nicht um eine vollkommene Passivität mit der Haltung "Das Göttliche wird es schon richten", indem wir komplett in die Unbewusstheit  und Trägheit des Körperlichen zurücksinken, aus der wir gerade befreit werden sollen. Egal was kommt: Da heraus zu wollen, zu wollen, dass es sich ändert, kann nicht oft genug betont werden. Das Ziel nie aus den Augen zu verlieren,  sich ständig dafür zu öffnen und anzubieten, fühlen wir uns momentan auch noch so dumpf und blockiert. Haben wir den Faden verloren, so schnell wie möglich in die wahre Haltung zurückzukehren.

Alles andere wird dann tatsächlich für uns getan, auch im Hintergrund. Uns immer auf das Göttliche auszurichten hilft, diese Phasen schneller zu durchlaufen und die Sadhana zu beschleunigen. Diese Arbeit am Unterbewussten und Unbewussten des Körpers ist die letzte und schwierigste Zeit, bevor der Weg sich zu lichten beginnt. Wir sind nicht unser Körper,  wir sind in dem Moment nur sehr stark damit identifiziert

 

Mutter beschrieb dieses Wollen und die Ursache für die Widerstände sehr anschaulich:

 

Weißt du, was den Widerständen Kraft verleiht, ist eine abergläubische Unwissenheit – abergläubisch im Sinne eines Vertrauens, zumindest eines Glaubens an das Schicksal, an dessen Zwangsläufigkeit. Das ist ingrained [eingefleischt], in die menschliche Substanz eingewoben. Die Leute haben denselben Aberglauben an das, was ihnen wohlgesonnen ist, wie an das, was ihnen übelgesonnen ist; an die göttliche Kraft ebenso wie an die feindliche Kraft – die Einstellung ist DIESELBE. Aus diesem Grund kann die göttliche Kraft nicht ihre volle Macht entfalten, und aus genau demselben Grund hat die feindliche Kraft so viel Macht über die Leute; denn dies basiert absolut auf einer Bewegung der Lüge, der Unwissenheit – einer totalen Unwissenheit.

In den letzten Tagen verfolgte ich dies in der Mentalität der Leute bis in die kleinsten Einzelheiten. Selbst bei jenen, die Sri Aurobindo studiert und verstanden haben, die Zugang zu diesem Bereich des Lichts hatten, ist das noch vorhanden – es bleibt. Das ist sehr... ja, sehr eng mit dem äußerlichsten, materiellsten Teil des Bewusstseins verwoben. Es gleicht einer Schicksalsergebenheit, die zwar sehr rebellisch sein kann, aber unter dem Eindruck einer Art Zwang oder Schicksalshaftigkeit lebt, die auf Kopf und Schultern lastet.

Daraus schließt man dann, dass es ein gutes und ein schlechtes Schicksal gibt, sowie eine göttliche Kraft, die man als etwas ganz und gar Unverständliches betrachtet, das völlig unerklärliche Absichten und Ziele verfolgt; dann besteht die Hingabe, das "surrender", in einer blinden Akzeptanz all dessen, was kommt. Die Natur lehnt sich zwar auf, aber sozusagen gegen eine Absolutheit, gegen die sie nichts ausrichten kann. All das ist reine Unwissenheit. Keine einzige von all diesen Regungen ist wahr – angefangen von der intensivsten Revolte bis hin zur blindesten Unterwerfung ist alles falsch, darin liegt keine einzige wahre Regung.

Ich weiß nicht, ob sich dies in Sri Aurobindos Schriften findet (ich erinnere mich nicht), aber ich höre sehr deutlich (nicht für mich, sondern für die Menschheit):

 

ERWACHE UND WOLLE

 

Natürlich verstehen die Menschen unter "wollen" ihre eigenen Anwandlungen, die nichts mit Wollen zu tun haben: all ihre Impulse.

"Wolle" soll heißen: "Wolle den höchsten Willen". Das ist wie ein Schlüssel, der die Tore der Zukunft öffnet:

 

ERWACHE UND WOLLE

 

Und hüte dich, etwas Falsches zu wollen, denn das ist kein Wollen mehr, sondern Willkür – verwechsle das nicht! Wolle den höchsten Willen!

Man darf nicht den Rücken krümmen, das macht einen innerlich schrecklich brummig und nützt überhaupt nichts.

Ja (Mutter hebt ihren Kopf), dieses Gefühl: den Kopf aus all dem herauszuheben, dort oben aufzutauchen...

Man ist so sehr Sklave winzig kleiner Dinge – unscheinbare körperliche Dinge: Bedürfnisse (vermeintliche Bedürfnisse). Ich sehe all das Flehen von überall kommen, und es dreht sich immer um dasselbe (selbst bei jenen, die verstanden zu haben glauben, dass das Bewusstsein umfassend sein muss – nicht kollektiv, sondern weltweit –, auch sie sind Sklaven der Reaktionen ihres Körpers), es dreht sich nur um zwei Dinge: Schlaf-Nahrung-Schlaf-Nahrung-Schlaf-Nahrung... (Mutter zeichnet einen Kreis). Selbst auf jene, die "keinerlei Interesse" mehr für diese Dinge zeigen, übt das noch genügend Macht aus, um ihr Bewusstsein zu beeinflussen: eine Nacht ohne Schlaf oder eine Funktionsstörung im Verdauungssystem – und hoppla! Es hat die Macht, ihren Glauben in Frage zu stellen und seine Handlungsfähigkeit zu beeinträchtigen. Das liegt an einem unwillkürlichen und mechanischen Festhalten an diesem Bedürfnis nach Schlaf und Nahrung. Ich spreche hier nicht einmal von der psychologischen Einstellung jener Leute, die gerne essen oder die faul sind und schlafen wollen – was sich auf unterster Ebene abspielt –, darum geht es nicht; selbst bei jenen, die sich überhaupt nicht für das Essen interessieren und die den Schlaf gern durch etwas anderes, Interessanteres ersetzen möchten, selbst bei diesen ist es so – bei allen, allen, allen.

Selbst mein Körper, der nun schon seit Jahren bearbeitet und geknetet wurde... Es steckt im Unterbewusstsein des Körpers. Da lautete also die Antwort, die sich an den Körper richtete:

 

ERWACHE UND WOLLE

 

(Schweigen)

 

Wie immer war es voller Humor; etwas sagte: "Du murrst die ganze Zeit, du jammerst die ganze Zeit, du beklagst dich ständig – was nützt das? ERWACHE UND WOLLE!"

Gerade diese Unterwürfigkeit, die Annahme des Schlimmsten aufgrund der Vorstellung, es komme vom Herrn! Und nicht nur das, sondern sich überdies das Schlimmste als Prüfung, als Probe vorzustellen, um zu sehen, ob man wirklich "surrendered" [hingegeben] ist – all das ist purer Schwachsinn! Wenn man solcher Prüfungen bedarf, um zu sehen, ob man wirklich nicht mehr rebellisch ist, zeigt dies nur, dass irgendwo in einem noch ein Keim oder ein Rest von Revolte steckt.

Die Angst, egoistisch zu sein, die Angst, rebellisch zu sein, bedeutet nichts anderes, als dass es noch fortbesteht, sonst hätte man diese Angst nicht.

 

(Schweigen)

 

Man ist ja so klein, so klein. Je kleiner man ist, desto mehr lehnt man sich auf. Man möchte alles zerschlagen, weil man so klein ist – wenn man weit ist, braucht man nichts zu zerschlagen. Man braucht nur zu SEIN.

 

ERWACHE UND WOLLE

 

(Agenda, 23. November 1963)

 

 

 

Handschriftliche Notiz von Mutter, 19.Oktober 1955

 

Die drei Bilder der vollkommenen Hingabe seiner selbst an das Göttliche:

 

1) Sich zu Seinen Füßen niederwerfen, frei von allem Hochmut und in vollkommener DEMUT.

2) Sein ganzes Wesen vor Ihm entfalten, seinen Körper völlig öffnen, von Kopf bis Fuß, wie man ein Buch öffnet, seine Zentren ausbreiten, damit alle ihre Bewegungen in voller AUFRICHTIGKEIT sichtbar werden und nichts verborgen bleiben kann.

3) Sich in Seine Arme schmiegen, mit einem empfindsamen und unbedingten VERTRAUEN in Ihm schmelzen.

Diese Bewegungen können von drei Formeln begleitet werden, oder einer von ihnen, je nach dem Fall:

1) Möge Dein Wille geschehen und nicht der meine.

2) Was Du willst, was Du willst...

3) Ich gehöre Dir für alle Ewigkeit.

Meistens, wenn diese Bewegungen in der wahren Weise gemacht werden, folgt ihnen eine vollkommene Vereinigung, eine Auflösung des Egos, die eine höchste Glückseligkeit hervorbringt.

 

 

 

 

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