Hingabe und die Überwindung des egos

 

 

Man muss sich ganz auf das Göttliche verlassen und dennoch eine befähigende Sadhana betreiben – das Göttliche gibt die Frucht nicht im Maße der Sadhana, sondern im Maße der Aufrichtigkeit der Seele und ihres Strebens. Auch ist es nicht dienlich, sich zu sorgen: "Ich werde dies sein, ich werde jenes sein, was werde ich sein?"

Sage: "Ich bin bereit, nicht so zu sein, wie ich möchte, sondern so, wie das Göttliche mich will", – alles Übrige sollte darauf basieren."

 

Sri Aurobindo, Briefe über den Yoga

 

 

 

 

In dem kleinen Büchlein "Der Intergrale Yoga", eine der ersten deutschen Übersetzungen aus Sri Aurobindos Werken, gibt er selbst tiefgreifende und detaillierte Einsichten in die Bedeutung des Sich-selbst-gebens. Sie werden hier ungekürzt wiedergegeben. 

 

 

Die erste Grundfunktion im integralen Yoga: Sich überantworten

 

Der erste Prozess im Yoga ist der: entschieden sich selbst hingeben wollen. Lege dich mit deinem ganzen Herzen und all deiner Kraft in Gottes Hände. Mache keine Bedingungen, bitte um nichts, nicht einmal um Vollkommenheit im Yoga, um überhaupt gar nichts, außer um das eine, dass in dir und durch dich sein Wille direkt getan werden möge. Denen, die etwas von ihm wollen, gibt Gott, was sie wollen, denen aber, die sich selbst geben und nichts verlangen, gibt er alles, worum sie sonst vielleicht gebeten oder was sie gebraucht hätten, und sich selbst und die spontanen Gaben seiner Liebe gibt er noch dazu. 

    Das Prinzip, das vor uns steht, ist ein Sich-überantworten, ein Aufgeben des menschlichen Seins in das Sein, Bewusstsein, in die Macht und die Freude Gottes hinein, eine Union oder Kommunion an allen Treffpunkten der Seele des Menschen, des geistigen Wesens, durch die Gott selbst, direkt und ohne Verhüllung und Mittelsmann, durch das Licht seiner Gegenwart und Führung das menschliche Wesen in allen natürlichen Kräften für ein göttliches Leben vollkommen machen soll. 

Schwierig? - Es ist das erste Prinzip unserer religiösen Disziplin, dass das Sich-selbst-überantworten das Mittel der Erfüllung ist, und, solange Egoität oder vitales Verlangen und Wünschen gehegt werden, ein völliges Sich-selbst-überantworten unmöglich ist, denn das Sich-selbst-geben ist dann noch unvollständig. Daraus haben wir nie ein Geheimnis gemacht. Das mag schwer sein, und es ist schwer. Aber es ist das eigentliche Prinzip der religiösen Disziplin. Weil es schwer ist, darum muss das Werk beharrlich und geduldig getan werden, bis es vollkommen ist. Du musst fortfahren, das Vitale jedesmal, wenn es sich erhebt und einmischt, zurückzuwerfen. Wenn du in seiner Ablehnung beharrlich bleibst, verliert es mehr und mehr an Kraft und schwindet dahin. 

    Wenn unser Ziel eine spirituelle Befreiung oder eine spirituelle Erfüllung ist, dann ist es ein Imperativ, über diese kleine Form des ego hinauszugehen. Innerhalb des menschlichen Egoismus und seiner Befriedigung kann es keine göttliche Kulmination und keine Befreiung  geben. Eine gewisse Reinigung vom Egoismus ist die Bedingung selbst beim ethischen Fortschritt und Aufstieg, selbst für das soziale Gute und eine soziale Vervollkommnung, umso mehr ist sie zum inneren Frieden, zu innerer Reinheit und Freude unentbehrlich. Aber ein viel radikaleres Befreitwerden ist notwendig, nicht nur vom Egoismus, sondern auch von der ego-Idee und dem ego-Sinn, wenn es unser Ziel ist, die menschliche in die göttliche Natur emporzuheben. Die Erfahrung zeigt, dass wir in dem Maße, in dem wir uns von dem beengenden, mentalen und vitalen ego befreien, über ein weiteres Leben, eine umfassendere Existenz, ein höheres Bewusstsein, eine glücklichere Seelenverfassung, sogar über ein höheres Wissen, eine größere Macht und einen weiteren Gesichtskreis verfügen. Das Ziel selbst, das die weltlichste Philosophie verfolgt, die Erfüllung, Vollendung und Befriedigung des Individuums, ist nicht am besten dadurch garantiert, dass eben dieses ego befriedigt wird, sondern dass man Freiheit in einem höheren und umfassenderen Selbst findet. In der Kleinheit des Seins liegt kein Glück, sagt die Schrift, mit der Größe des Seins kommt das Glück. Das ego aber ist von Natur Kleinheit des Seins. Es bringt Schrumpfung des Bewusstseins mit sich und mit der Schrumpfung Begrenzung des Wissens und eine unfähig machende Unwissenheit, Einkerkerung und Herabsetzung der Kraft, und durch solche Verkleinerung Unfähigkeit und Schwäche, Spaltung der Einheit, und durch solche Spaltung Disharmonie, Versagen von Sympathie, Liebe und Verstehen, Niederhalten oder Zerbrechen der Seinsfreude, und durch solch Zerbrechen Schmerz und Leid. Um das Verlorene wiederzugewinnen, müssen wir ausbrechen aus der Welt des ego. 

    Das Verlangen nach persönlichem Heil ist ebenso –, wie hoch seine Form auch sein mag, ein Ausfluss des Ego. Es beruht auf der Idee unserer eigenen Individualität und ihrem Wünschen, das sich auf ihr persönliches Gut und ihre persönliche Wohlfahrt richtet, auf ihrem Verlangen nach Befreiung vom Leiden oder ihrem Schrei nach Auslöschung der Not des Werdens, und das macht sie zum höchsten Ziel unserer Existenz. Über das Verlangen nach persönlichem Heil sich zu erheben ist notwendig, um diese Basis des ego gänzlich zu verwerfen. Wenn wir Gott suchen, dann muss es um Gottes willen sein und um nichts sonst, denn das ist der höchste Ruf, der an unser Sein ergeht, die tiefste Wahrheit des Geistes. 

    Nach Befreiung, nach der Seele Freiheit, nach Realisation unseres wahren und höchsten Selbst, nach Union mit Gott streben, das ist einzig darum gerechtfertigt, weil das das höchste Gesetz unserer Natur ist, weil so das, was niederer in uns ist, zu dem hingezogen wird, das das Höchste ist, weil das der göttliche Wille in uns ist. Das ist die ausreichende Rechtfertigung jenes Strebens und sein einer, wahrster Grund. Alle anderen Motive sind Auswüchse, geringere oder zufällige Wahrheiten oder nützliche Anreize, die die Seele aber abtun muss, sobald deren Zweckdienlichkeit vorbei ist und der Zustand der Einheit mit dem Höchsten und mit allen Wesen unser normales Bewusstsein und die Seligkeit dieses Zustandes unsere spirituelle Atmosphäre geworden ist.

    Weil das Individuum das ist, darum ist sich selbst zu finden seine große Notwendigkeit. Indem es sich dem Höchsten ganz überantwortet und ihm sich selbst gibt, ist es doch es selbst, das sich selbst findet, indem es sich vollkommen opfert. 

 

 

Die zweite Grundfunktion: Sich öffnendes Vertrauen

 

    Das Herz des inneren Sich-überantwortens ist Glauben und Verrauen zu Gott. Das ist die Haltung, die man einnimmt: Ich will Gott und nichts weiter. Ich will mich ihm ganz geben, und da meine Seele das will, muss ich ihn treffen und erfahren. Nur danach frage ich und nach seinem Handeln in mir, das mich zu ihm bringen soll, nach seinem geheimen oder offenen, verschleierten oder offenbaren Handeln. Ich bestehe nicht darauf, dass es zu meiner Zeit und auf meinem Weg geschehen muss. Ich will an ihn glauben, seinen Willen annehmen, beharrlich nach seinem Licht, seiner Gegenwart und Freude streben, durch alle Schwierigkeiten und Aufenthalte hindurchgehen, auf ihn bauend und niemals ablassend. Lass meinen Geist stille sein und ihm vertrauen, lass ihn meinen Geist seinem Licht öffnen. Lass das Vitale in mir stille sein und sich ihm allein zuwenden, lass ihn es seiner Stille und seiner Freude öffnen. Alles für ihn und mich selbst für ihn. Was auch geschehen mag, zu diesem strebenden Verlangen und diesem Mich-selbst-geben will ich stehen, und ich will fortfahren und fest darauf mich verlassen, dass es geschehen wird.

    Das ist die Haltung, in die man hineinwachsen muss. Gewiss kann dieselbe nicht sofort vollkommen sein, mentale und vitale Bewegungen durchkreuzen sie, wenn man aber den Willen darauf richtet, wird sie in unserem Sein wachsen. Der Rest ist eine Sache des Gehorsams der Führung gegenüber, wenn sie sich selbst bekundet, indem wir den mentalen und vitalen Bewegungen keine Einmischung gestatten. 

    In manchen religiösen Disziplinen findet das göttliche Handeln keine Anerkennung. Alles muss durch eigene Bemühung geschehen. In den meisten wird beides miteinander vermengt: Die eigene Bemühung ruft schließlich die Hilfe und Intervention direkt herbei. Die Idee und Erfahrung jedoch, dass Gott alles tut, gehört zu dem Yoga, der auf Sich-überantworten gegründet ist. 

    Alles kann von Gott getan werden, das Herz und die Natur gereinigt, das innere Bewusstsein erweckt, die trennenden Schleier beseitigt, – wenn man sich selbst Gott mit Glauben und Vertrauen gibt, und wenn man das auch nicht voll sofort vermag, so kommt doch, je mehr man es tut, die innere Hilfe und Führung umso mehr, und die innere Erfahrung Gottes wächst. Wenn der alles in Frage stellende Geist weniger aktiv wird und Demut und der Wille zum Sich-überantworten wachsen, sollte dies durchaus möglich sein. Keine andere Kraft und persönliche Bemühung sind dann vonnöten, nur allein dies.

    Glaube ist nicht von Erfahrung abhängig. Er ist etwas, das vor der Erfahrung da ist. Man beginnt den Yoga gewöhnlich nicht auf Grund von Erfahrung, sondern auf Grund von Glauben. So verhält es sich nicht nur im Yoga und spirituellen Leben, sondern im gewöhnlichen Leben ebenso. Alle Männer der Tat, Entdecker, Erfinder, Schöpfer von Wissen, gehen vorwärts mit Glauben, und bis der Beweis erbracht oder das Werk getan ist, gehen sie vorwärts trotz Enttäuschungen, Fehlschlägen, gegenteiligen Beweisen und Ableugnungen, weil etwas in ihnen sagt, dass dies die Wahrheit sei, die Sache, die verfolgt und getan werden muss. Ramakrishna ging sogar so weit, zu sagen, als er gefragt wurde, ob blinder Glaube nicht falsch sei, blinder Glaube sei der einzige, den man überhaupt haben müsse, denn Glaube ist entweder blind, oder es ist kein Glaube, sondern etwas anderes, ein Schluss des Verstandes, bewiesene Überzeugung oder bestätigtes Wissen.

    Glaube ist der Zeuge der Seele für etwas, das noch nicht erschienen, erreicht oder verwirklicht ist, von dem der Wissende in uns gleichwohl aber weiß, wenn auch alle äußeren Anzeichen fehlen, dass es wahr ist oder zuhöchst wert, dass man ihm folge oder es zustande bringe. Dieses Etwas in uns kann fortbestehen, selbst wenn der Geist keine bestimmte Überzeugung hat, selbst wenn das Vitale kämpft und revoltiert und sich weigert. Wen gibt es, der Yoga praktisch übt und nicht diese Perioden, diese langen Perioden der Enttäuschung, des Versagens, des Unglaubens und der Dunkelheit hat? Aber etwas ist da, das ihn aufrecht erhält und wider den Menschen selbst sogar am Werke bleibt, denn es fühlt, dass es doch einem Wahren folgte, mehr noch, es fühlt nicht nur, es weiß. Der fundamentale Glaube im Yoga ist, der Seele innewohnend, dieser Gott ist da, und Gott ist das eine, dem es zu folgen gilt, und nichts sonst im Leben hat im Vergleich mit ihm Wert.

    Solange ein Mensch diesen Glauben hat, ist er für das spirituelle Leben bestimmt, und das sage ich, wenn seine Natur auch voll von Hindernissen ist und vollgestopft mit Weigerungen und Schwierigkeiten. Und wenn er auch viele Jahre des Kampfes vor sich hat, er ist zum Erfolg im spirituellen Leben ausersehen. 

  Diesen Glauben musst du entwickeln, einen Glauben, der mit Vernunft und allgemeinem Menschenverstand übereinstimmt, dass nämlich, wenn Gott da ist und dich auf den Weg gerufen hat, was er offenbar getan hat, auch eine göttliche Führung hinter allem stehen muss und du durch alle Schwierigkeiten hindurch und trotz ihrer zum Ziel kommen wirst. Nicht darf auf die feindlichen Stimmen gehört werden, die Versagen prophezeien, oder auf die Stimmen ungeduldiger vitaler Hast, die das Echo jener sind, nicht darf man meinen, dass es keinen Erfolg geben könne, weil die Schwierigkeiten groß sind, oder dass Gott sich nie zeigen werde, weil er sich noch nicht gezeigt habe. Es gilt vielmehr diejenige Haltung einzunehmen, die jedermann einnimmt, der seinen Geist auf ein großes und schwieriges Ziel richtet: Ich will vorangehen, bis ich Erfolg habe, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Und der an Gott glaubt, setzt hinzu: Gott ist da, indem ich Gott folge, kann ich nicht scheitern. Durch alles hindurch will ich voranschreiten, bis ich ihn finde.

    Was deine Geeignetheit oder Ungeeignetheit für den Yoga anlangt, so ist das nicht eine Frage, über die dein ans Physische gebundener Geist Richter sein kann, denn derselbe richtet nur nach dem unmittelbaren Augenschein der Dinge und kennt die Gesetze, die das Bewusstsein regieren, oder die Kräfte, die im Yoga am Werke sind, nicht. In Wirklichkeit aber handelt es sich nicht um die Frage nach Geeignetheit oder Ungeeignetheit, sondern um die der Annahme der Gnade. Es gibt kein menschliches Wesen, dessen physisches äußeres Bewusstsein für den Yoga befähigt wäre. Es geschieht durch die Gnade und ein Licht von oben her, dass dasselbe befähigt werden kann, und das Notwendige dafür ist: auszuharren und sich dem Licht zu öffnen.

    Man muss es sich tatsächlich zur Gewohnheit werden lassen, sich diesen hilfreichen Kräften zu öffnen und sie entweder passiv zu empfangen oder aktiv von ihnen zu nehmen, denn beides kann man tun. Es handelt sich darum, dass du dein Bewusstsein [daran] gewöhnen musst, mit diesen hilfreichen Kräften in Verbindung zu kommen und mit ihnen in Verbindung zu bleiben, und zu dem Zweck musst du dich auch daran gewöhnen, Eindrücke, die andere dir aufzwingen,  Niedergeschlagenheit, Misstrauen dir selbst gegenüber, Selbstvorwürfe und alle ähnlichen Störungen, abzustoßen.   

    Schließlich aber, für den Größten wie den Kleinsten von uns ist unsere Stärke nicht die unsrige, sondern ist uns für das Spiel, das es zu spielen gilt, für das Werk, das wir zu tun haben, gegeben. Die Stärke mag in uns gestaltet werden, aber ihre gegenwärtige Gestaltung ist nicht endgültig, weder die Kraft noch die Schwäche, die wir bis dahin entwickelt haben. Jeden Augenblick kann das ausgebildete Vorhandene sich wandeln, jeden Augenblick gewahrt man, besonders unter der Wirkensmacht des Yoga, dass Schwäche sich in Kraft wandelt, der Unfähige fähig wird, dass plötzlich oder allmählich das instrumentale Bewusstsein sich zu neuer Größe in uns erhebt oder seine verborgenen Kräfte entwickelt. Über uns, in uns, um uns herum, da ist die All-Stärke, und sie ist es, auf die wir uns in unserem Werk, unserer Entwicklung, unserem umgestaltenden Wandel zu stützen haben. Wenn wir mit Glauben an unser Werk voranschreiten, an unser Instrument-Sein für das Werk, an die Macht, die uns in ihre Mission nimmt, dann fließt uns Stärke im Akt des Erprobtwerdens selbst, im Gewärtigen und Überkommen von Schwierigkeiten und Niederlagen zu, und wir gewahren, dass unsere Fähigkeit so viel umfasst, wie wir von All-Stärke benötigen, deren immer vollkommenere Gefäße wir werden.

Alles Übrige ist Sache der göttlichen Gnade, auf die man sich fest verlassen muss; eigenes Verdienst, Tugend oder Vermögen sind es nicht, die die Realisation bringen. 

 

 

 

Die dritte Grundfunktion: Beiseitetreten und Gott wirken lassen

 

    Der nächste Prozess ist: beiseitetreten und das Wirken der göttlichen Macht in dir anschauen. Mit diesem Wirken verbindet sich oft Störung und Aufruhr im System, darum ist Glaube notwendig, wenn auch vollkommener Glaube nicht immer sofort möglich ist. Denn alle Unreinheit, die in dir ist, offen gehegt oder geheim schleichend, wird sich nun wahrscheinlich erheben und sich fortsetzen, solange sie nicht erschöpfend ausgefegt ist, und Zweifel ist in diesem Zeitalter eine nahezu universale Unreinheit. Aber selbst wenn Zweifel dich anfällt, stehe fest und warte, bis er vorüberzieht, indem du dich, wenn möglich, an die Gemeinschaft mit denen hältst, die auf dem Wege schon vorangeschritten sind. Wenn diese aber nicht gegeben ist, halte gleichwohl an dem Prinzip des Yoga fest, am Sich-überantworten.

    Die Befreiung kommt nicht als ein plötzliches Wunder, sie kommt als ein Prozess der Reinigung, und jene Dinge sind Teil des Prozesses. Sie sind wie der Staub, der in Wolken aufwirbelt, wenn ein lange nicht gesäuberter Raum endlich ausgefegt wird. Und wenn der Staub dich auch zu ersticken scheint, gleichwohl, halte durch.

    Um beiseitezutreten, musst du dich selbst als die Person wissen, die nur zuschaut, dem Werk Gottes zustimmt. Das Werk selbst wird von Gott als Wirkensmacht getan. Er muss es lernen, ganz ruhig im Geist und im Vitalen zu werden und sich selbst weihen, so dass er sowohl bewusst wird wie empfängt. Die göttliche Liebe, unähnlich der menschlichen, ist tief und weit und schweigend, man muss selbst still und weit werden, um ihrer bewusst zu werden und ihr zu antworten. Ihr überantwortet zu sein, muss er zu seinem einzigen Ziel machen, so dass er ein Gefäß und Instrument werde, es der göttlichen Weisheit und Liebe überlassend, ihn mit dem zu erfüllen, das notwendig ist. Auch das möge er sich einprägen, nicht darauf zu bestehen, dass er zu einer bestimmten Zeit Fortschritte machen muss, sich entwickeln, Realisationen haben muss. Wie lange es auch währt, er muss bereit sein, zu warten und auszuharren und aus seinem ganzen Leben ein verlangendes Streben und ein Sichöffnen für das eine nur zu machen, für Gott. Sich selbst zu geben, ist das Geheimnis der Disziplin, nicht zu verlangen und etwas zu erwerben. Je mehr man sich selbst gibt, um so mehr wird die Fähigkeit zu empfangen wachsen. Dazu aber muss alle Ungeduld und Revolte schwinden, alle Einreden, die uns nahelegen wollen, dass man nichts empfange, keine Hilfe erfahre, nicht geliebt sei, davonlaufen, das Leben oder das spirituelle Streben aufgeben wolle, all das darf man nicht an sich herankommen lassen.

    Die Liebe, die sich Gott zuwendet, sollte nicht jenes übliche vitale Gefühl sein, dem die Menschen jenen Namen geben. Denn das ist keine Liebe, sondern nur ein vitales Verlangen, ein Instinkt, der aneignen, der Impuls, der besitzen und ein Monopol aufrichten will. Das ist nicht nur nicht die göttliche Liebe, ihr sollte man auch nicht im geringsten gestatten, sich in den Yoga einzumischen. Die wahre Liebe zu Gott gibt sich selbst, ist frei von Forderung, voll von Unterwerfung und Sich-überantworten, sie erhebt keinen Anspruch, stellt keine Bedingung auf, schachert nicht, gibt sich nicht den Gewalttätigkeiten des Neides, des Stolzes oder des Zornes hin, denn diese Dinge sind in ihrer Art nicht enthalten.

    Dies ist es, das zu fühlen und bis in alle Teile deines Wesens, selbst bis in das Materielle hinab zu besitzen du bestrebt sein musst, und hier gibt es keine Grenze, weder an Zeit noch an Vollständigkeit. Wenn man aufrichtig strebt und es erhält, dann sollte für irgendeinen anderen Anspruch oder ein anderes enttäuschtes Verlangen kein Raum mehr vorhanden sein. Und wenn man aufrichtig strebt, erhält man es gewiss mehr und mehr, wie die Reinigung fortschreitet und die Natur sich dem notwendigen Wandel unterwirft.

     Zuerst steigt die göttliche Liebe als etwas Transzendentes und Universales herab, und aus dieser Transzendenz und Universalität teilt sie sich, der göttlichen Wahrheit und dem göttlichen Willen gemäß, dem Menschen mit, indem sie eine umfassendere, größere, reinere Liebe schafft, als irgendein menschlicher Geist und menschliches Herz es jetzt auszudenken vermögen. Wenn man diese Herabkunft gefühlt hat, dann kann man wirklich ein Instrument für die Geburt und das Handeln der göttlichen Liebe in der Welt werden.

    Und Gott wartet nur darauf, erkannt zu werden, währenddessen der Mensch ihn überall sucht und Idole Gottes aufrichtet, damit aber in Wahrheit in einem fort nur Idole seines eigenen Geist-ego und seines eigenen Lebens-ego findet, wirksam aufrichtet und göttlich verehrt. Wenn dieses Kreisen um das ego aufgegeben wird und diese Jagd nach dem ego aufhört, dann erst erhält der Mensch seine erste wirkliche Chance, in seinem inneren und äußeren Leben Spiritualität zu erreichen. Das ist noch nicht genug, aber es ist ein Anfang, eine wirkliche Pforte und nicht der Zugang in eine Sackgasse.

    Was ich außer dem Streben nach Glauben noch von dir will? Nun, eben ein bisschen Gründlichkeit und Beharrlichkeit in der Methode! Es hat keinen Zweck, dass du zwei Tage lang strebst und dich dann auf dem Abfallhaufen niederlässt und dann ein Erdbeben-Schopenhauer-Esel-Allerwelts-Evangelium entwickelst. Gib Gott eine volle, richtige Chance. Wenn er etwas in dir erhellt oder ein Licht anzünden will, dann komme du doch nicht mit dem nassen Handtuch der Niedergeschlagenheit herein und schlage die arme Flamme nicht aus. Du sagst: Es ist ja nur ein Talglicht, das angezündet ist, das ist überhaupt nichts! In diesen Dingen aber, da die Dunkelheit des menschlichen Geistes, Lebens und Leibes ausgetrieben werden muss, ist ein Talglicht immer ein Anfang schon, eine Lampe kann folgen und danach eine Sonne. Aber dem Anfang muss man erlauben, eine Fortsetzung zu haben, und er muss nicht durch schwere Brocken von Traurigkeit, Zweifel und Verzweiflung von seinen natürlichen Fortsetzungen abgeschnitten werden. Zu Beginn, und auch dann noch lange Zeit, kommen die Erfahrungen gewöhnlich quantitativ selten, mit leeren Räumen dazwischen, lässt man sie aber gewähren, werden die Leerräume weniger, und an die Stelle der Quantentheorie tritt Newtons Kontinuität des Geistes. Diesem aber hast du niemals eine wirkliche Chance gegeben. Die leeren Räume sind mit Zweifeln und Leugnungen bevölkert worden, und so sind die Quanten selten geworden, der Anfang bleibt ein Anfang. Ich sage nicht, dass alle Zweifel verschwinden müssen, ehe überhaupt etwas eintritt, das würde die religiöse Disziplin unmöglich machen, denn der Zweifel ist der ständige Angreifer für den Geist. Was ich sage, ist nur dies, erlaube dem Angreifer nicht ein Begleiter zu werden, biete ihm nicht die offene Tür und den Platz am Kamin an. Vor allem aber, treib mit deinem entmutigenden nassen Handtuch der Traurigkeit und Verzweiflung nicht Gott, der hereinkommt, hinweg!

Treib aus die dunkle Verzweiflung und geh tapfer mit deinem Yoga voran. Wie die Dunkelheit schwindet, werden die inneren Türen sich öffnen.  

 

  (Auszüge aus "Der Integrale Yoga", Sri Aurobindo, Rowohlt Verlag Hamburg)

 

 

 ***

 

 

Mutter beschreibt in ihren einfachen und für jeden verständlichen Worten zwei Möglichkeiten auf dem Weg des Integralen Yoga: 

 

" ... der eine ist der der tapasya (Disziplin) und der andere ist der der Hingabe. Der Pfad der tapasya ist mühselig. Hier hängst du einzig von dir selbst ab; du schreitest fort durch deine eigene Kraft. Du steigst empor und bist erfolgreich nach dem Maße deiner Kraft. Es besteht immer die Gefahr des Absturzes. Und bist du einmal gefallen, dann liegst du zerschmettert im Abgrund und es findet sich kaum ein Heilmittel. 

Der andere Pfad, der der Hingabe, ist sicher und zuverlässig. Genau damit gerät aber der westliche Mensch in Schwierigkeiten. Man hat ihn gelehrt, alles zu fürchten, was seine persönliche Unabhängigkeit bedroht. Mit der Muttermilch hat er seinen Sinn für Individualität aufgesogen. Und Hingabe bedeutet, all das aufzugeben. ... 

Hingabe ist die Entscheidung darüber, die Verantwortung für dein Leben dem Göttlichen zu überlassen. Ohne diese Entscheidung ist überhaupt nichts möglich. Wenn du dich nicht hingibst, ist der Yoga völlig ausgeschlossen. Alles andere folgt natürlicherweise erst danach, denn der ganze Vorgang beginnt mit Hingabe. ...`Hier bin ich, ein Geschöpf mit verschiedenen Eigenschaften, gut und schlecht, dunkel und erleuchtet. Ich bringe mich dar so wie ich bin, nimm mich mit all meinen Höhen und Tiefen, mit all meinen widerstreitenden Impulsen und Neigungen an — tu mit mir, was immer du magst.´ ...

... du kannst, wie Ramakrishna sagt, entweder dem Pfad des Affen oder des Katzenbabys folgen. Das Affenbaby hält sich an seiner Mutter fest, um herumgetragen zu werden, und es muss sich entschlossen festhalten, weil es fällt, wenn es loslässt.

Das Katzenbaby andererseits klammert sich nicht an seine Mutter, sondern wird von ihr getragen und hat weder Angst, noch Verantwortung; es hat nichts anderes zu tun, als sich von der Mutter tragen zu lassen und ,Mama' zu schreien."  (Mutter in "Der sonnenhelle Pfad")

 

 

Die Macht, die die Welt beherrscht, ist wenigstens so weise wie du, und es ist nicht unbedingt nötig, dass du zu Rate gezogen oder bei ihrer Handhabung besonders berücksichtigt werdest; Gott trägt Sorge dafür.

 

Sri Aurobindo

 

 

  

 

... zurück zur Übersicht


VCounter.de Besucherzähler