Religionen

 

Die Menschen lieben immer noch den Schmerz. Wenn sie jemanden sehen, der über dem Schmerz und der Freude steht, verdammen sie ihn und schreien: "Oh, du Gefühlloser!" Deshalb hängt Christus immer noch an seinem Kreuz in Jerusalem. Sri Aurobindo

 

Hört auf zu denken, ihr kommt aus dem Westen, die anderen aus dem Osten. Alle Menschen sind von gleicher göttlicher Herkunft und es ist ihnen bestimmt, das Einssein dieser Herkunft auf Erden zu manifestieren." Mutter

(u.a. Pixabay; Pexels; pasaja1000; pixel2013)

 

 

    "Wir WOLLEN KEINE Religion." 

Mutter, 31. Dezember 1969 

 

 

   An was wir glauben, ist tief in uns verwurzelt und prägt unser ganzes Sein und Miteinander. Bewusst und unbewusst. 

Besonders sensibel ist das Thema "Religion", wie man nicht nur im kleineren Umfeld, sondern auch global beobachten kann. Sie war seit jeher Urheber trauriger Missverständnisse, hitziger Auseinandersetzungen und Machtmissbrauch bis hin zu Religionskriegen und hat andererseits die heldenhaftesten Märtyrer hervorgebracht.  

 

"Die Religion gehört zum höheren Geist der Menschheit. Sie stellt die Bemühung des Menschen dar, sich seiner Kraft entsprechend einer Sache zu nähern, die ihn übersteigt und der er Namen wie Gott, Heiliger Geist, Wahrheit, Glaube, Wissen oder Unendliches gibt, eine Art Unbedingtes, das der menschliche Geist nicht erreichen kann und dennoch zu erreichen strebt. Religion mag in ihrem Ursprung göttlich sein; ihrer gegenwärtigen Natur nach ist sie nicht göttlich, sondern menschlich. ...

In allen Religionen gibt es auch Gläubige, die ein hohes spirituelles Leben entwickelt haben. Doch haben sie ihre Spiritualität nicht von der Religion erhalten, sondern sie haben sie in die Religion hineingelegt. Irgendwohin versetzt, in irgendeinen beliebigen Kult hineingeboren, hätten sie dasselbe spirituelle Leben gefunden und gelebt. Ihr eigenstes Vermögen, die Kraft ihres inneren Wesens, hat sie zu dem gemacht, was sie sind, nicht aber die Religion, zu der sie sich bekennen. Dies Vermögen in ihnen bewahrt sie davor, dass die Religion für sie zur Sklaverei wird. Nur eben, weil ihr Geist weder stark, noch klar, noch tätig ist, haben sie es nötig, dies oder jenes Dogma für den Ausdruck einer absoluten Wahrheit zu halten, um sich ihm ohne Frage und ohne störende Zweifel anheimzugeben. In allen Religionen bin ich solchen Leuten begegnet, und es wäre ein Verbrechen, sie in ihrem Glauben zu behelligen. Für sie ist die Religion kein Hindernis; im Weg steht sie denen, die das Vermögen haben, weiter zu gehen; aber jenen, die nicht über sie hinausschreiten und dennoch bis zu einem gewissen Punkt auf dem Wege des Spirits vorankommen können, ist sie oft eine Hilfe." (Gespräche mit der Mutter, 1929)

 

Religion ist nicht gleich Glaube, aber unterschwellig wird dieser zumindest in der Anfangszeit meist von der religiösen Prägung beeinflusst, die unserem Kulturkreis entspricht. Glaube ist in der Regel das, was übrig bleibt, wenn uns alles Weltliche genommen wird. Und zuweilen wird auch dieser dabei so sehr erschüttert, dass wir manchmal dem am nächsten kommen, was man unter einer lebendigen Beziehung zum Göttlichen versteht: Vor Schmerz fangen wir an, mit Ihm zu hadern und ringen, zweifeln an, ob er uns wirklich liebt, grollen Ihm und versuchen Ihn zu erpressen, klammern uns fordernd an Ihn oder stoßen Ihn gar zurück. Nicht gewahr, dass wir uns dadurch viel tiefer auf Ihn einlassen und Ihn tiefer in uns einlassen, als wir es zuvor taten. 

Es kann eine Chance sein, aus den starren Dogmen, Riten und Glaubensmustern auszubrechen, die häufig mit dem verbunden sind, was viele Menschen unter "Religion" verstehen. Diese vermitteln eine gewisse Sicherheit und kommen dem Intellekt entgegen, der gern diskutiert, ein festes Gefüge, Raster oder System liebt, in dem er alles in verlässlichen, möglichst gleichbleibenden Kategorien ablegen kann, um jederzeit darauf zurückzugreifen und sich darauf zu stützen. Das Eingebundensein in eine religiöse Gemeinschaft bietet einen geschützten Rahmen und soll hier keinesfalls gering geschätzt werden.  

Das bloße Ausüben religiöser Praktiken ist weniger anstrengend, als das stille Auseinandersetzen mit dem "persönlichen Göttlichen", bestimmt von Höhen und Tiefen, Sehnen und Zweifeln und einem sprichwörtlichen Vierfüßergang durch die Wüste, auf unserer Suche nach Wahrheit, nach Ihm, der sich immer wieder zu entziehen scheint.

Alles hat seine Daseinsberechtigung in der Zeit. Ist man jedoch auf der Suche, getrieben von einem inneren Brennen und unstillbaren Durst nach dem Göttlichen, wird man trotz vermeintlicher oder tatsächlicher Rückschläge immer wieder Grenzen überschreiten und eine Bewusstseinsstufe nach der anderen erklimmen. Das hört nicht auf, bis wir am Ziel sind. Denn Gott ist absolut Alles, was existiert. Nichts existiert außerhalb von ihm, trotz aller Gegensätze der irdischen Dualität. Man muss dazu nicht erst auf einen Schicksalschlag warten. Doch auch Mutter stellte fest, dass die meisten Menschen leider die Katastrophe brauchen, um weiterzugehen. Gerade das Bewusstsein unserer Körperzellen zeichnet sich durch eine enorme Trägheit aus. 

In den höchsten mentalen Regionen ab dem Supramental gibt es keine Gegensätze mehr. Und damit endet alles Leid und die göttliche Harmonie beginnt.

 

 

"Jede Religion hat der Menschheit geholfen. Das Heidentum mehrte im Menschen das Licht der Schönheit, die Weite und Höhe seines Lebens, sein Streben nach vielseitiger Vollkommenheit; das Christentum gab ihm eine gewisse Schau der göttlichen Liebe und Güte; der Buddhismus wies ihm einen edlen Pfad, weiser, milder und reiner zu werden, Judentum und Islam lehrten ihn fromme Gläubigkeit im Tun und eifrige Hingabe an Gott; der Hinduismus eröffnete ihm die weitesten und tiefsten spirituellen Möglichkeiten. Es wäre etwas Großes, könnten all diese Gott-Visionen zusammenfinden und ineinander aufgehen; aber intellektuelles Dogma und Kult-Egoismus stehen im Wege."

 

 Sri Aurobindo

 

 

   Ist man in den westlichen Kulturkreis hineingeboren, kann es sehr herausfordernd sein, zu akzeptieren, dass Jesus Christus nicht der einzige Sohn Gottes war. Es gab sowohl vor Ihm, als auch nach Ihm Göttliche Entitäten oder Menschen, die mit einer bestimmten göttlichen Kraft begabt waren, um unserer Evolution zu dienen. Das sich weitende Bewusstsein erkennt sehr bald an: Nicht "entweder/oder", sondern "sowohl als auch". Man beginnt, sich für andere Wege zu öffnen und immer mehr zu integrieren. Es ist ohnehin sehr wahrscheinlich, dass wir im Laufe der Inkarnationen mit verschiedenen Glaubensrichtungen in Berührung kamen und in uns bereits ein Same gelegt wurde, der sich in einem der späteren Leben entfaltet. Ungeachtet dessen, in welchen Kulturkreis wir dann hineingeboren werden.  

Irgendwann stellt man fest, dass man NICHTS weiß als das, was man tatsächlich erfährt und lebt. Das erleichtert die Bereitschaft zu vollkommener Hingabe und Vertrauen in die Göttliche Führung.  

 

 

"Das Christentum vergöttert das Leiden, um daraus ein Instrument für das Heil der Erde zu machen."

 Mutter

 

"Weißt du, dies kam mir wie eine Offenbarung. Anstatt dass die ganze Religion so betrachtet wurde (Geste von unten), wurde sie so betrachtet (Geste von oben)... Dazu möchte ich folgendes sagen: Die gewöhnliche Idee des Christentums ist, dass der Sohn (wenden wir ihre Sprache an), der "Sohn Gottes" kam, um seine Botschaft auf die Erde zu bringen – eine Botschaft der Liebe, der Einheit, der Brüderlichkeit, der Barmherzigkeit –, und dass die Erde, das heißt die Regierenden, die nicht bereit waren, ihn opferten, und dass sein "Vater", der höchste Herr, sein Opfer zuließ, damit es die Macht habe, die Welt zu retten. So sieht es das Christentum, dies ist die umfassendste Anschauung – die große Mehrheit der Christen versteht überhaupt nichts, aber ich möchte sagen, dass es Leute gibt (vielleicht – es könnte sein), zum Beispiel unter den Kardinälen, die den Okkultismus und seine tiefe Symbolik studiert haben, die etwas besser verstehen... aber nun.

Nach meiner Vision (Mutter zeigt auf ihre Notiz über das Christentum) wäre es so, dass die menschliche Rasse, die menschliche Spezies in der Evolutionsgeschichte der Erde anfing, Fragen zu stellen und sich gegen das Leiden, das eine Notwendigkeit darstellte, aufzulehnen begann, um bewusst aus der Trägheit herauszukommen (bei den Tieren ist es sehr klar; das Leiden war das Mittel, sie aus ihrer Trägheit herauszureißen), aber der Mensch ging über diesen Zustand hinaus und begann, sich gegen das Leiden und natürlich auch gegen die Macht aufzulehnen, die es zuläßt und sich seiner vielleicht als eines Mittels zur Herrschaft bedient (seiner Ansicht nach). Dies ist demnach der Platz des Christentums...

Vorher gab es schon eine recht lange irdische Geschichte – man darf nicht vergessen, dass es vorher, vor dem Christentum, den Hinduismus gab, der anerkannte, dass alles – einschließlich der Zerstörung, des Leidens, des Todes, allen Unheils – Teil eines einzigen Gottes ist, des einzigen Gottes (das ist das Bild des Gottes in der Gita, der die Welt und ihre Geschöpfe "verschlingt"). So ist es hier in Indien.

Es gab Buddha, dem jegliches Leiden unter jeglichen Formen zuwider war – der Verfall in allen seinen Formen, die Vergänglichkeit aller Dinge –, und der in seiner Suche nach einem Heilmittel zu dem Schluss kam, dass das einzig wahre Heilmittel das Verschwinden der Schöpfung sei...

So war die irdische Situation beim Aufkommen des Christentums. Es gab also eine ganze Periode davor und eine Vielzahl von Leuten, die sich gegen das Leiden aufzulehnen begannen und ihm zu entkommen versuchten. Andere vergötterten es und ertrugen es wie ein unvermeidliches Übel. So entstand die Notwendigkeit, den Begriff eines vergöttlichten Leidens auf die Erde herabkommen zu lassen, welches das höchste Mittel darstellt, um das ganze menschliche Bewusstsein aus dem Unbewussten und der Unwissenheit herauszuführen und es zur Verwirklichung der göttlichen Glückseligkeit zu führen – nicht, indem man der Existenz seine Zusammenarbeit verweigert, sondern IN der Existenz selbst: in der Existenz selbst das Leiden (die Kreuzigung) akzeptieren als ein Mittel zur Transformation, um die menschlichen Wesen und die ganze Schöpfung zu ihrem göttlichen Ursprung zu führen.

Das stellt alle Religionen an ihren Platz in dieser Entwicklung von der Unbewusstheit zum göttlichen Bewusstsein.

Es handelt sich nicht einfach um eine kleine Bemerkung, die eben so notiert wurde: es ist eine Vision. Man kann immer die Vorstellung von etwas geben, das mental ausgedacht wurde, aber so ist es nicht: Es war, wenn man so will, eine Notwendigkeit in der Entwicklung. Das weist den Dingen ihren Platz zu.

Der Islam war eine Rückkehr zur Empfindung, zur Schönheit, zur Harmonie in der Form und die Rechtfertigung der Empfindungen und der Freude an der Schönheit. Von oben betrachtet war er nicht von sehr hoher Qualität, aber in vitaler Hinsicht war er äußerst machtvoll, und gerade das gab ihnen eine solche Macht, sich auszubreiten, Macht an sich zu reißen, zu nehmen und zu herrschen. Aber was sie schufen, war sehr schön – ihre gesamte Kunst ist großartig. Es war eine Blütezeit der Schönheit...

Dann gab es andere. All das kommt eins nach dem anderen. Jede Religion kam wie eine Etappe in der Entwicklung und in der Beziehung zum Göttlichen, um das Bewusstsein zu einer Einheit zu führen, die eine Totalität ist und nicht eine Vernachlässigung einer ganzen Realität, um eine andere zu erhalten. Die Notwendigkeit der Totalität, der Gesamtheit, bewirkte, dass die Religionen so auftraten, eine nach der anderen.

So gesehen ist es sehr interessant.

Anstatt von unten gesehen zu werden, war es plötzlich eine Sicht des Gesamten von ganz oben, wie es sich organisierte, mit einem so klaren Bewusstsein, einem so klaren Willen. Jede Sache ereignete sich genau in dem Augenblick, wo sie notwendig war, damit nichts vernachlässigt würde und damit alles aus dieser Unbewusstheit herauskommen, auftauchen und mehr und mehr bewusst werden konnte... In diesem ungeheuren irdischen Geschehen findet das Christentum seinen Platz – seinen legitimen Platz. Das hat einen doppelten Vorteil: für jene, die es verachten, es zu rehabilitieren, und für jene, die glauben, es sei die einzige Wahrheit, sie sehen zu lassen, dass es nur eins der Elemente eines Ganzen ist. ...

... das Christentum ist wie eine Rehabilitation des Leidens als ein Mittel zur Entwicklung des Bewusstseins.

Sri Aurobindos Aphorismus erhält so seine ganze Bedeutung... Das Christentum kam, weil die Menschen sich gegen den Schmerz auflehnten und der Welt entfliehen wollten, um sich dem Schmerz zu entziehen... und dann, mit den Jahren, im Laufe der Entwicklung bekamen die Menschen Geschmack am Leiden! Weil sie es gern haben... (so wird Sri Aurobindos Aphorismus ganz klar): "Christus hängt immer noch am Kreuz in Jerusalem." Das gewinnt seine volle Bedeutung. ...

Das Unglück ist, dass jeder seine Religion für die ausschließliche Wahrheit hält."

(Mutters Agenda, 12. August 1967)

 

 

Kein gekreuzigter, sondern ein verherrlichter Körper wird die Welt retten. 

Mutter

 


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  "Das religiöse Leben mag die erste Annäherung an das spirituelle sein, doch sehr häufig ist es nur ein auswegloses Umherwandern in einem Kreis von Riten, Zeremonien und Praktiken oder von starren Ideen und Formen. Das spirituelle Leben hingegen schreitet direkt durch eine Bewusstseinsveränderung fort, eine Veränderung des gewöhnlichen Bewusstseins, das unwissend und von seinem wahren Selbst und Gott getrennt ist, in ein größeres Bewusstsein, in dem man sein wahres Wesen findet und mit dem Göttlichen zuerst in einen direkten und lebendigen Kontakt tritt und dann zu einer Einung mit ihm gelangt. Für den spirituell Suchenden ist diese Bewusstseinsveränderung das eine, das er sucht, und nichts anderes zählt für ihn. ...

Wenn du in deinem Herzen und in deiner Seele ein wahrhaftes Streben nach spiritueller Wandlung hast, wirst du den Weg und den Führer finden. Das rein mentale Suchen und Fragen reicht nicht aus, um die Pforten des Spirits zu öffnen." 

 

                        Sri Aurobindo, Briefe über den Yoga I 

 

 

 

 

 

 

   "Die Religion ist Anstifterin der schlimmsten und der besten Dinge gewesen. In ihrem Namen haben die mörderischsten Kriege und die scheußlichsten Verfolgungen gewütet. Aber welch erhabenen Heldenmut, welch höchste Selbstaufopferung hat sie nicht auch hervorgerufen?

Zusammen mit der Philosophie bezeichnet sie die Grenze, die der menschliche Geist bei seinen höchsten Betätigungen erreicht hat. Sie ist Hindernis und Fessel, wenn ihr ihrer äußeren Form versklavt seid; wisst ihr aber ihren inneren Gehalt zu verwerten, so kann sie euch als Sprungbrett in die Reiche des Spirits dienen.

Wer bei einer bestimmten Glaubensform stehen bleibt oder wer irgendeine Wahrheit entdeckt hat, ist immer geneigt zu meinen, er allein habe die Wahrheit voll und ganz gefunden. Das ist die menschliche Natur. Eine Beimischung von Lüge scheinen die Menschen zu brauchen, damit sie sich aufrecht halten und voranschreiten auf ihrem Weg. Würde ihnen die Wahrheitsschau auf einmal zuteil, so würden sie von ihrem Gewicht erdrückt."

 

Mutter

 

 

 

 

 

 

 

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