Zweifel

 "Würde die Menschheit nur einen Schimmer davon erhaschen, was für unendliche Freuden, was für vollendete Kräfte, was für leuchtende Weiten spontanen Wissens, was für ruhige Ausdehnungen unseres Wesens auf uns warten in Regionen, die unsere tierhafte Natur noch nicht erobert hat, so würde sie alles lassen und nicht eher ruhen, als bis diese Schätze gewonnen sind. Doch der Pfad ist eng, die Tore sind schwer aufzubrechen, und Misstrauen, Angst und Zweifelsucht sind da, die Fangfühler der Natur, die unseren Fuß daran hindern sollen, sich von den gewöhnlichen Weiden abzukehren."

Sri Aurobindo

(Pixabay/strecosa)

 

 

Bestandteil des Widerstands 

 

An der Berufung auf den Weg der Supramentalen Transformation kann es keinen Zweifel geben. Sind wir dafür bestimmt, werden irgendwann im Verlauf unserer Suche die Erfahrungen so unverwechselbar und prägnant, dass es einer selbstauferlegten Dummheit und Verleugnung des gesamten Pfads gleichkäme, sie nicht zu glauben.  

Was Ausdauer und Durchhaltevermögen während dieses Wegs angeht, kommt es durchaus vor, dass Zweifel auftauchen. Man könnte fast sagen, sie sind wesentlicher Bestandteil dessen, was überwunden werden muss. 

 

   "Sri Aurobindo spricht von einem "Schimmer erhaschen", to catch a glimpse;  wir haben es mit einem Wort ins Französische übertragen, welches bedeutet: "einen umfassenden, aber kurzen Einblick gewinnen". Es ist klar, dass eine ständige Schau all dieses Schönen euch zwingen würde, den Pfad einzuschlagen. Ebenso gewiss ist es, dass eine flüchtige, bruchstückhafte Andeutung nicht ausreicht; das ist nicht gewichtig genug, euch auf den Weg zu bringen. 

Gewänne man aber eine umfassende Schau, wie flüchtig auch immer, so könnte man der Versuchung nicht widerstehen, sich anzustrengen, das Geschaute auch zu verwirklichen. Aber die umfassende Schau ist eben selten.

Darum sagt Sri Aurobindo: "Erhaschte die Menschheit auch nur ..."

    Es kommt allerdings nicht oft vor, dass die zur Verwirklichung bereiten, ja unzweifelhaft Bestimmten, nicht irgendwann in ihrem Leben, und sei es für ein paar Sekunden, die Erfahrung von dieser Verwirklichung haben. Aber auch diese, sogar wenn ihr Schicksal feststeht, haben hartnäckig und erbittert gegen dieses Etwas anzukämpfen, das man mit der Luft einzuatmen scheint: diese Angst, diese Furcht vor dem, was einem zustoßen könnte. Das ist so närrisch, denn schließlich ist das Schicksal eines jeden das gleiche: man wird geboren, man lebt – mehr oder weniger gut – und man stirbt; dann wartet man mehr oder weniger lange und beginnt von neuem damit, geboren zu werden, zu leben – mehr oder weniger gut – und wieder zu sterben, und so weiter und so fort, bis man so weit ist, dass man genug davon hat. 

Angst wovor? Aus der Tretmühle herauszukommen?  Frei zu werden? Kein Gefangener mehr zu sein?

Und fasst man genügend Mut, um das zu überwinden, indem man sich sagt: "Komme, was da wolle! Was setzt man denn schon auf's Spiel?", dann kommt das Misstrauen; man fragt sich, ob es vernünftig ist, ob es auch wirklich stimmt, ob das nicht vielleicht Illusionen sind, ob man sich nicht den Kopf verdrehen lässt, ob es damit tatsächlich etwas auf sich hat ... Und wohlgemerkt, so töricht dies Misstrauen auch scheint, es findet sich auch in den Intelligentesten, sogar in solchen, die wiederholte, schlagende Erfahrungen gemacht haben – es ist wie gesagt etwas, das man mit der Speise zu sich nimmt, mit der Luft einatmet, aus dem Kontakt mit anderen aufliest; man kann es wirklich mit "Fangarmen der Natur" vergleichen: in allem ist es, überall steht es, wie ein Tintenfisch, hält euch fest und bindet euch. 

     Und hat man auch diese beiden Hindernisse überstiegen, sind die Erfahrungen so stark, dass man nicht mehr misstrauen kann – das wäre, als traute man der Tatsache seines eigenen Lebens nicht –, dann bleibt noch dies Schreckliche, Kleinliche, Dürre, Saure: die Skepsis. Und die beruht auf dem menschlichen Stolz, deshalb hält sie sich so lange. Man will all diesem überlegen sein: "Oh, ich gehe dem nicht auf den Leim, ich nicht! Ich bin ein vernünftiger Mensch, ich sehe die Dinge vom praktischen Gesichtspunkt aus. Ich lasse mich nicht täuschen." Furchtbar ist das! ... Nichtswürdig. Aber gefährlich. 

Sogar während der größten Begeisterungen, sogar inmitten einer außerordentlichen, wundervollen Erfahrung steigt es von zuunterst herauf, hässlich, klebrig, widerlich. Aber das klettert empor und verdirbt alles. 

   Um das zu besiegen, muss man ein gewaltiger Kämpfer sein. Man muss mit allen Dunkelheiten der Natur kämpfen, mit all ihren Listen, all ihren Versuchungen. 

Warum tut sie das? Es ist, als handle sie ihrem eigenen Ziel zuwider. Doch habe ich euch das schon sehr oft erklärt:die Natur weiß sehr wohl, wohin sie geht, was ihre Bestimmung ist, und sie will es auch, aber eben auf ihre Weise. Sie hat nicht das Gefühl, dass man Zeit verliert! Sie hat die Ewigkeit vor sich. Sie will ihren Weg gehen, wie es ihr passt, mit so vielen Verschlingungen, wie es ihr gefällt, mit Rückwendungen, Abschweifungen, wiederholten Neuanfängen, einfach um zu sehen, was dabei herauskommt; und dann diese erleuchteten Springinsfelde, die gleich ankommen wollen, so schnell wie möglich, die nach Wahrheit dürsten, nach Licht, nach Schönheit, nach Harmonie ..., die bedrängen sie, die öden sie an, die sagen ihr, sie verliert ihre Zeit! Sie pflegt zu antworten: "Aber ich habe ja doch die Ewigkeit vor mir, bin ich denn in Eile? Was überstürzt  ihr euch so? " Und lächelnd fügt sie hinzu: "Der menschlichen Begrenztheit verdankt ihr eure Hast; weitet euch, werdet unendlich, seid ewig, und ihr werdet nicht in Eile sein."

Der Weg bereitet ihr so viel Vergnügen – aber nicht jedem gefällt das. 

    Blickt man von hoch oben, von sehr ferne, dann sieht man alles sehr weit, fast unendlich: Was Menschen beunruhigt, sie leiden macht, das verschwindet; und jene, die sehr abgeklärt sind und das Leben zugunsten einer sehr erhabenen Weisheit unter sich gelassen haben, sie sagen euch dann mit einem Lächeln: "Wozu leidet ihr denn? Gebt doch das alles auf, und ihr leidet nicht mehr!" Individuell ist das recht und gut, doch wenn man an die andern denket, dann möchte man sehr wohl wünschen, dass die Komödie, die ein bisschen tragisch ist, früher aufhöre. Es ist erlaubt, genug davon zu haben, wie das Vieh auf der Weide zu leben, von einem Kräutchen zum nächsten zu spazieren, in einem Winkel das Abgegraste wiederzukäuen, einen so begrenzten Horizont zu haben und alle Herrlichkeiten des Lebens zu versäumen. 

      Es behagt vielleicht der Natur, wenn wir so sind – wir aber, wir haben es satt, wir wollen anders sein. 

Ja, gerade dann, wenn man wirklich genug davon hat und will, dass es anders sei, bekommt man den Mut und die Kraft und die Möglichkeit, diese drei furchtbaren Feinde zu besiegen, Angst, Misstrauen und Zweifelsucht. Aber ich wiederhole: es genügt nicht, sich eines schönen Tages hinzusetzen, sich selbst zu betrachten und das ein für allemal auszufechten; man muss es immer wieder tun, immer wieder, scheinbar fast ohne Ende, um sicher zu sein, dass man es los ist. Offen gestanden, man wird es vielleicht nie wirklich los, aber es kommt eine Zeit, wo man zutiefst so gleichmütig wird, dass es einem nichts mehr anhaben kann. Man kann es zwar sehen, aber man  sieht es mit einem Lächeln; mit einer einfachen Gebärde schickt man diese Anwandlungen weg, sie kehren dahin zurück, wo sie hergekommen sind, vielleicht ein wenig verändert, ein bisschen weniger stark, weniger hartnäckig, weniger angriffig – bis zu dem Augenblick, wo das Licht stark genug ist, alle Dunkelheit zu erhellen. 

   Was diese Herrlichkeiten betrifft, von denen Sri Aurobindo spricht, so ist es besser, sie nicht zu beschreiben, denn jeder empfindet und erfährt sie auf seine Weise – und für jeden ist es die beste. Man soll nicht die Art des andern übernehmen, man muss seine eigene haben, dann hat die Erfahrung ihren ganzen Wert, ihre unschätzbare Bedeutung. 

Sich öffnen, sich sehnen, streben ... und warten. Es kommt sicher. Die Gnade ist da, sie verlangt nichts, als für euch wirken zu dürfen."

 

Die Mutter, 10. Oktober 1958 in den Freitagsklassen

 

 

Der Weg des Integralen Yoga ist enorm schwierig und herausfordernd über viele Jahre. Gerade in den Phasen der Arbeit im Körperbewusstsein wird man immer mehr vereinnahmt von der Dunkelheit der Materie, und die "Herzensnähe" zum Göttlichen, die wir so lieben, geht mit der Zeit zunehmend verloren. Doch diese Phasen sind vorübergehend und gleichzeitig wird das Wirken der Supramentalen Kraft konstanter im Körper wahrnehmbar. Wer die innere Schau besitzt, nimmt das orange-goldene Licht des Agni, das weiße Licht der Mutter, das kühle weiß-bläuliche Sri Aurobindos und diverse andere Farben unterstützender Wesenheiten wahr – mal intensiver, mal weniger stark. Das hilft, diese schrecklichen Durststrecken zu überstehen, in denen nur noch der Glaube übrig ist, und selbst dieser hängt manchmal am seidenen Faden oder droht, zusammenzubrechen.

Die Gelassenheit, von der Sri Aurobindo spricht, ist eine hohe Anforderung und gelang anfänglich eher selten,  aber das änderte sich mit der Zeit – in dem Maße, in dem sich die supramentale Kraft permanent im Körper verankerte und die Heftigkeit und Dauer der Abstiege verringerte. Das uns eigene Thema wird immer wieder bearbeitet, durch alle Schichten unseres Seins und hinein in die Schwingungstiefen der Materie, die damit in Resonanz gehen. Es erinnert an den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier".

Aber man taucht immer wieder auf. Und irgendwann kommt der Moment, wo man endlich einen bleibenden Fortschritt, einen Zuwachs an Kraft und Stärke verspürt. Diese Jahre muss man durchhalten, seien es nun sieben oder siebzehn Jahre. Die Geduld wird stetig auf eine harte Probe gestellt, sowie Glaube, Leidensfähigkeit und Hingabe.

Dabei darf man nicht den Fehler begehen, sich in einer der besseren Phasen auf einer endgültig erreichten Stufe zu wähnen und auszuruhen, denn die Angriffe und Prüfungen erfolgen bis zuletzt und man kann sie dadurch  wieder verlieren. Die spirituelle Konzentration und Wachsamkeit muss immer und in jedem Fall erhalten bleiben. 

 

 

 

 

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