Schicksalsschläge und ihre Gründe

 

 

 

 

"O Unglück, gesegnet seist du, denn durch dich habe ich das Antlitz meines Geliebten erblickt." 

 

Sri Aurobindo

 

Man sieht zunehmend, wie Menschen in Schwierigkeiten geraten und sich sogenannte Schicksalsschläge ereignen. Trifft es einen selbst, sind die Reaktionen darauf nicht selten Wut, Schuldzuweisungen, Leugnung, Resignation bis hin zu Depressionen und die verzweifelte Frage, weshalb Gott so etwas zulässt. Der Glaube wird erschüttert. Auch, wenn man sich auf einem spirituellen Weg befindet, ist man dagegen nicht automatisch immun. Leid und Schmerz zu ertragen, ist eine der härtesten Prüfungen, denen der Mensch ausgesetzt ist. Gute Ratschläge oder leere Phrasen helfen in solch einer Situation nicht weiter. Das Beste ist, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, weshalb all das geschieht,  dass es vorübergeht und garantiert irgendwann gut endet. Dazu muss man in größeren Kategorien denken. "Wartet auf den letzten Akt!", ermahnten Mutter und Sri Aurobindo immer wieder. 

Solange die Erde und die Menschheit sich in dieser evolutionären Übergangsphase befinden, müssen wir Leid, Schmerz und Tod noch hinnehmen. Doch die Ablehnung ist berechtigt, sie ist ein Zeichen dafür, dass sich etwas in unserem Inneren dagegen auflehnt, weil es spürt, dass das Höchste Bewusstsein selbst nicht mehr will, dass es sei. Es wurde längst beschlossen, dass all das aus der Schöpfung verschwindet, aber es muss in der Zeit ausgearbeitet werden. Die Transformation auf die nächste Stufe der Evolution erfordert  Geduld, Ausdauer, Kraft und Stärke.

 

"Wenn das Supramental die Erde mit genügender Kraft berührt, um sich im irdischen Bewusstsein zu verwurzeln, wird die asurische Maya mit Gewissheit keine Chance auf Erfolg oder Weiterbestehen haben."  Sri Aurobindo, 18.10.1934, On Himself, XXVI.472

 

Dass Menschen in der gegenwärtigen Inkarnation besonders herausgefordert werden, kann karmische Gründe haben: Etwas muss ausgelebt werden, was wir in einer der vorherigen Inkarnationen ausgelöst oder zurückgewiesen haben, oder es kam nicht zum Abschluss, weil die Umstände es nicht erlaubten. Vielleicht aber begeben wir uns bewusst in eine schwierige Lebenssituation, um zu reifen und an Stärke zu gewinnen für den großen Übergang:

 

"Alle diese braven Leute klagen und wundern sich, dass sie und andere brave Leute auf unerklärliche Weise von solch sinnlosem Leiden und Unglück heimgesucht werden. Aber werden sie wirklich von einer äußeren Macht oder durch ein mechanisches Gesetz des Karmas angegriffen? Könnte es nicht sein, dass die Seele selbst – nicht das äußere Mental, sondern der innere Geist – diese Prüfungen akzeptiert und gewählt hat als Teil ihrer Entwicklung, um so die notwendigen Erfahrungen mit größerer Schnelligkeit zu machen und ihren Weg durchzuhauen, sei es auch auf die Gefahr hin und um den Preis eines größeren Schadens für das äußere Leben und den Körper? Sind für die wachsende Seele, für den Geist in unserem Inneren die Schwierigkeiten, die Hindernisse, die Angriffe nicht Möglichkeiten, um zu wachsen, um die eigene Kraft zu verstärken, um die Erfahrung zu erweitern und sich im spirituellen Sieg zu üben? Vielleicht ist dies das Arrangement der Dinge und nicht die Aufrechnung von Belohnungen oder eines strafenden Unglücks." Sri Aurobindo, Briefe über den Yoga, 1932

 

Was Sri Aurobindo in seinen Schriften etliche Jahre zuvor hinterließ, hat Mutter im Jahre 1970 als absolut wahr bestätigt: 

 

"Das ist wunderbar – es ist genau das, was gerade geschieht!  ... Über diese beiden Texte (ich weiß nicht, ob es noch andere gibt) könnte man als Titel schreiben: "Sri Aurobindos Prophezeiung" oder "Sri Aurobindo sagte prophetisch".

Außerordentlich!

Das ist wunderbar – ganz, als ob er jetzt sprechen würde ..." 

 

 

 

Wie geht man mit Leid und Schmerz um? 

 

Das Göttliche Bewusstsein ist immer da, Es macht keine Ferien. Wir sind es, die Es in unserem Leben „An- und Ausschalten“, je nach Bedarf. Insgeheim hoffen wir, es würde unsere Wünsche erfüllen und uns für unsere Hingabe belohnen mit einem möglichst angenehmen Leben. Aber so funktioniert die Schöpfung nicht. 

Der Herr ist da und wartet, in jeder Lebenssituation und zu jeder Zeit. Er wertet und urteilt nicht, Er macht keine Vorwürfe, Er drängt sich nicht auf, Er ist nicht nachtragend. Er ist da, um uns zur Seite zu stehen. Er wird jeden noch so winzigen Spalt aufrichtiger Hingabe nutzen, der sich für einen Augenblick eröffnet, wenn wir kurz innehalten und uns Ihm gegenüber ungeschützt zeigen mit der Bitte um Beistand. Denn Er will uns stark machen und schnellstmöglich da herausführen.  

 

  

"Leiden macht uns für die volle Gewalt des Herrn der Wonne tauglich; es befähigt uns auch, das andere Spiel, das des Herrn der Macht, zu ertragen. Schmerz ist der Schlüssel, der die Tore der Stärke öffnet; er ist die Heerstraße, die zur Stadt der Glückseligkeit führt. 

Dennoch aber, o Menschenseele, trachte nicht nach dem Schmerz, denn das ist nicht sein Wille, sondern trachte einzig nach Seiner Freude; was den Schmerz betrifft, so kommt er in Seiner Vorsehung schon so oft und so viel zu dir, wie für dich nötig ist. Dann ertrage ihn, damit du schließlich seinen Kern der Verzückung findest". 

 

Sri Aurobindo

 

 

Man kann versuchen, einen anderen Standpunkt einzunehmen, zum Beispiel: Ein Kind wird mit einer Behinderung geboren, erleidet eine unheilbare Krankheit oder stirbt. Schnell werden Meinungen laut wie „ungerecht“, „kein Kind sollte vor den Eltern sterben“, etc.

Man vergisst leicht, dass in dem Kind eine Seele wohnt, die ihre eigene Lebensaufgabe in sich trägt für diese Inkarnation. Ist diese vollbracht, geht sie und verlässt diesen Planeten – wie wir anderen auch.     

Die Eltern können jetzt ihr Schicksal beklagen, sich dadurch hilfreicher Energien berauben, negativen Einflüssen öffnen und ihr Kind damit zusätzlich belasten. Oder sie geben dem Kind so viel selbstlose Liebe und Unterstützung, wie sie vermögen. Vielleicht ist es ja gerade deshalb bei ihnen inkarniert, weil es wusste, dass ihm für seine schwere Aufgabe besonders liebevolle Eltern zur Seite stehen würden?  

 

Die Geschichte unserer Vorfahren ist voll von Schicksalschlägen, Krankheit und Tod. All das geschieht nicht ohne Grund, weil die Erde nicht ohne Grund erschaffen wurde. Man müsste die ganze Evolution betrachten, nicht nur den winzigen Ausschnitt, den wir mit unserer kleinen Existenz als Teil davon für eine minimale Zeitspanne hier unten ausfüllen.

Schicksalsschläge sind schmerzhaft, erschüttern uns in unserem Sein und wir wollen da raus. Wir möchten dem Schmerz ausweichen, ihn nicht mehr spüren. Die Hand des Göttlichen Bewusstseins wahrzunehmen, deren Schlag die Rüstung unseres Ego aufbricht und ihn umzuwandeln in Ekstase, wird uns erst auf einer sehr hohen Stufe der Verwirklichung gelingen. Akzeptanz und Durchhalten ist bis dahin ein realistisches Ziel. Folgt man dem Integralen Yoga, sind die Prüfungen schier endlos, wie Sri Aurobindo schon anmerkte. Das menschliche Gefäß muss darauf  vorbereitet werden, das Einströmen der Göttlichen Macht und Liebe zu ertragen.   

Was auf der anderen Seite nur einen Wimpernschlag bedeutet, ist für uns im irdischen Milieu eine furchtbar lange Zeit. Die Ausdauer wird enorm herausgefordert. Aber da unser Dasein hier auf der Erde begründet ist und weitergehen wird, müssen wir es auch hier durchziehen.   

So ist es nun einmal und wir können nichts dagegen tun. Außer, wir wollen unser Leid unnötig verlängern. Dem Göttlichen Bewusstsein liegt bestimmt nichts daran. ER ist immer da, um uns Kraft zu geben und zu helfen, uns wieder aufzurichten, wenn wir gefallen sind – wenn wir IHN LASSEN und die Art und Weise annehmen, WIE ER das tut. 

         


 

"Geschehnisse, die wir nicht erwarten,

auf die wir nicht gefasst sind,

die wir nicht wollen und die unseren Wünschen zuwider laufen – in unserem Gewissen nennen wir sie Unglücke, und wir klagen darüber. Würden wir jedoch ein bisschen weiser und betrachteten die tiefen Folgen dieser Geschehnisse, so sähen wir, dass sie uns schnellstens zum Göttlichen führen, zum Geliebten, wogegen leichte und angenehme Zustände uns verlocken, auf dem Pfad zu säumen, unterwegs anzuhalten, um die sich uns anbietenden Blumen des Vergnügens zu pflücken. ...

 

Die wahre Haltung, jene, die anzeigt, dass man dem Ziel nahe ist, ist letztendlich ein völliger Gleichmut der Seele, der uns mit der gleichen ruhigen Freude Erfolg und Misserfolg, Glück und Unglück annehmen lässt; denn all diese Dinge sind für uns Geschenke geworden, die uns der Herr in seiner unendlichen Fürsorglichkeit gewährt." 

 

Mutter

 

 

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