Das Böse in der Welt verstehen

(Pixabay, skeeze)

 

 

 

 

Widerstand lässt uns reifen und stärker werden. 


Tagtäglich wird in den Nachrichten von unfassbaren Gräueltaten berichtet: Ein Neugeborenes wird in eine Plastiktüte gewickelt tot aus einem Müllcontainer geborgen, Terroranschläge auf Hochzeitsgesellschaften werden als "Versehen" bezeichnet und totgeschwiegen. Seehunden wird bei lebendigem Leib das Fell abgezogen. Wohl niemand bestreitet, dass es Dinge auf unserem Planeten gibt, die wir eindeutig verurteilen als etwas Böses, Perverses. Die Opfer werden betrauert und mit Mitgefühl bedacht.

Doch die Liste ist erweiterbar und es gibt unendlich viele Abstufungen bis hin zu geringfügigen Verdrehungen der Wahrheit, Manipulationen oder Sticheleien im zwischenmenschlichen Bereich. Nicht selten werden Gemobbte als überempfindlich belächelt und ausgegrenzt.

Wo fängt also "das Böse" an und wo hört es auf?  

Wenn wir einen spirituellen Pfad betreten, kommen wir irgendwann an einen Punkt, an dem wir feststellen, dass wir überhaupt nichts mehr wissen oder beurteilen können. Unser Bewusstsein hat sich geweitet, wir haben gegensätzliche Standpunkte eingenommen und als nachvollziehbar anerkannt, unser Glaubenssystem wurde erschüttert und die eigene Eitelkeit bekommt immer wieder Schläge, wenn sie versucht, ein Urteil über jemanden oder etwas zu stülpen. Tut man es doch, stellt sich unmittelbar ein schlechtes Gefühl ein oder es erfolgt ein unsichtbarer Angriff.

So lernt man, sich auf die Eingaben aus einer höheren Quelle auszurichten. 

Trotzdem geschehen Dinge, die sich aus unserer momentanen Sicht scheinbar durch nichts rechtfertigen lassen. 

 

Weshalb gibt es diese Negativität und all ihre kleinen und großen Auswüchse auf der Erde? Hätte das Göttliche Bewusstsein nicht eine Welt ohne Leid und Schmerz erschaffen können?  

Ein Teil davon liegt einfach in der ererbten irdischen Natur, der wir nun einmal ausgeliefert sind, wenn wir auf der Erde wieder in einen Körper inkarnieren - bis wir anfangen, einen spirituellen Pfad zu beschreiten und sie zu meistern. Viele unserer Triebe und Begierden reichen bis ins Tierreich zurück, als es ums nackte Überleben ging und Rangkämpfe an der Tagesordnung waren.  

Bewusstseinsformationen aus dem Unbewussten und Unterbewussten aus den Anfängen unserer Evolution, tief verborgen in der irdischen Materie, beeinflussen uns heute noch, ohne dass wir es ahnen.

Daneben gibt es etwas absolut "Böses", das wir meiden sollten. Dazu eine Textstelle aus „Reminiscences of Udar“ in "More vignettes of Sri Aurobindo and the Mother“, S. 154. Eigene Übersetzung aus dem Englischen: 

 

Das Göttliche und die asurischen Kräfte

 

Sri Aurobindo und Mutter sagten oft, dass sie Instrumente benötigen, durch die sie arbeiten können. Irgendwann fragte ich Mutter, weshalb das so ist und ob sie die Arbeit nicht direkt verrichten könne. Mutter erwiderte: „Natürlich kann ich das. Ich kann die ganze Welt mit einer Handbewegung transformieren. Aber dafür sind wir nicht gekommen. Das ist nicht der Göttliche Weg. Im Göttlichen Plan muss alles durch die Geschöpfe selbst ausgearbeitet werden. Andernfalls hat die Schöpfung keinen Sinn. Die Schöpfung ist der Göttliche selbst in seinem Spiel, sein lila ( = das kosmische Spiel). Es wurde zu Beginn hinausgeschleudert durch einen Prozess der Involution als das absolute Gegenteil des Göttlichen. Existenz, Bewusstsein und Glückseligkeit des Göttlichen wurden verkehrt in ihr genaues Gegenteil,  die Leere der Nichtexistenz, die Unwissenheit, und das muss sich jetzt zurückentwickeln ins Göttliche. Das Göttliche hilft bei diesem Prozess. 

Aber es wurde auch die widergöttliche Macht oder der Asura erschaffen, der die Evolution behindern muss. Das ist der Vorgang der Dualität. Es gibt keinen Fortschritt ohne Widerstand. Man kann nicht einmal laufen ohne einen harten Boden unter den Füßen zu haben, dessen Widerstand weggedrückt werden muss, um laufen zu können. Diese zwei Kräfte arbeiten immer zusammen, das Göttliche, das voranschreitet und der Asura oder der Titan, der widerstrebt. Der Asura ist auch das Göttliche, aber ihm wurde die Aufgabe des Widerstands übertragen und er macht seine Arbeit sehr, sehr gut. Tatsächlich macht er seine Arbeit so gut, dass sich heute die ganze Welt unter seinem Einfluss befindet und das Göttliche sich Schritt für Schritt durchsetzen muss. Deshalb werden Instrumente  gebraucht, die offen sind und dafür genutzt werden können.“

Sie erklärte das alles sehr schön. Deshalb muss Mutter ständig auf der Hut sein vor diesem Asura und seinen Tricks. Sie sagte, ich muss mich ebenso vor ihm in acht nehmen. Normalerweise kümmert der Asura sich nicht um Menschen oder das, was geschieht, aber wenn sich die Person oder Arbeit dem Göttlichen zuwendet und spirituell wird, dann fällt der Asura mit all seinen Tricks ein, um die Arbeit zu durchkreuzen oder den Menschen zu besetzen. Das macht er, indem er sich an das Ego hält. Er schmeichelt dem Ego und sorgt dafür, dass die Person sich wichtig fühlt und glaubt, eine Göttliche Arbeit zu verrichten, während er dem Asura dient. 

 

Nicht immer steht ein Asura hinter einer bösen Tat. Manchmal ist es "nur" unsere niedere Natur, unser Ego, das von seinen Begierden, Wünschen, Trieben und Glaubensmustern angetrieben wurde und stärker war, als unser moralisches Gewissen oder die leise warnende Stimme im Hintergrund. Das bringt eine Inkarnation in diesem irdischen Milieu mit sich, solange wir nicht beginnen, uns der Wahrheit zuzuwenden. Und das steht jetzt an. Wir werden so lange Schläge bekommen, bis wir an uns arbeiten, uns weiterentwickeln und all das dem Göttlichen darbieten, was aus der Schöpfung verschwinden soll.  

Auch die widergöttliche Welt schläft nicht und nutzt jede Schwäche in unserem System für ihre Zwecke, wie oben beschrieben. Meist merken wir das nicht, weil diese Kräfte unsichtbar und sehr subtil in uns eindringen. Werden wir bewusster, ändert sich das und wir spüren immer schneller, wenn uns etwas "antreibt", was wir eigentlich ablegen oder wie wir nie sein wollten und das wir dann tatsächlich als "wesensfremd" empfinden.

 

Sri Aurobindo über Asuras in "Briefe über den Yoga", Band 1:

 

Die feindlichen Kräfte bestehen tatsächlich und sind der yogischen Erfahrung in Asien seit den Tagen des Veda und Zarathustra (den ägyptischen Mysterien und der Kabbala) und auch seit alten Zeiten in Europa bekannt. Diese Dinge können natürlich nicht gefühlt oder verstanden werden, solange man im gewöhnlichen Mental mit seinen Ideen und Wahrnehmungen lebt; denn dort gibt es nur zwei erkennbare Kategorien von Einflüssen, einmal die eigenen Ideen, Gefühle und Taten sowie die der anderen und dann die Einwirkung der Umgebung und der physischen Kräfte.

Wenn man jedoch einmal zur inneren Anschauung der Dinge gelangt ist, sieht es anders aus. Man beginnt die Erfahrung zu machen, dass alles ein Wirken von Kräften ist, von Kräften der prakṛti [ = Prakriti; (irdische) Natur, Natur-Kraft, Natur-Seele] ausführende oder arbeitende Kraft; psychologischen und physischen, die mit unserer Natur spielen – und es sind bewusste Kräfte oder sie werden von einem Bewusstsein oder mehreren Arten von Bewusstsein hinter ihnen gestützt. Man steht inmitten eines großen universalen Wirkens und kann keinesfalls weiterhin alles als das Ergebnis der eigenen, alleinigen und selbständigen Persönlichkeit betrachten. Du hast selbst einmal geschrieben, dass deine Krisen der Verzweiflung usw. über dich gekommen wären, als hätte man sie auf dich geworfen, und dass sie sich selbst ausarbeiteten, ohne dass du in der Lage gewesen wärst, sie zu beherrschen oder ihnen ein Ende zu bereiten. Das bedeutet das Wirken von universalen Kräften und nicht etwa ein unabhängiges Wirken deiner eigenen Persönlichkeit – obwohl es tatsächlich etwas in deiner Natur gibt, wovon sie Gebrauch machen. Aus dem oben angeführten Grund aber bist du dir der Herkunft dieser Einmischung und dieses Druckes nicht bewusst. Jene, die die innere Schau auf der vitalen Ebene entwickelten, verfügen über eine reiche Erfahrung der feindlichen Kräfte. Dennoch brauchst du dich nicht selbst mit ihnen zu befassen, solange sie inkognito bleiben.

Auf der mentalen Ebene kann man Erfahrungen ohne dieses Wissen haben; denn dort herrschen der Verstand und die Idee, und man empfindet das Spiel der Kräfte nicht – nur im Vital vermag man es zu erkennen. Auf der Mental-Ebene manifestieren sie sich höchstens als mentale Suggestionen, nicht aber als konkrete Mächte. Wenn man diese Dinge nur mit dem Mental betrachtet, kann man zwar (auch wenn es das innere Mental wäre) das subtile Spiel der Naturkräfte erkennen, nicht aber die bewusste Absicht, die wir feindlich nennen.

***

Es gibt zwei Arten von asuras – solche, die ihrem Ursprung nach göttlich sind, jedoch aufgrund ihres Eigenwillens und des Widerstandes gegen die Absicht des Göttlichen ihrer Gottheit verlustig gingen; von diesen spricht man in den Schriften der Hindus als den vormaligen oder früheren Göttern; sie können bekehrt werden, und tatsächlich ist ihre Wandlung für die höchsten Ziele des Universums notwendig.

Der gewöhnliche asura aber ist nicht von dieser Art; er ist kein evolutionäres, sondern ein fixiertes Wesen und verkörpert ein fixiertes Prinzip der Schöpfung, das sich weder entfaltet noch wandelt – und von dem dies auch nicht erwartet wird. Diese asuras und auch die anderen feindlichen Wesen, rākṣasas, piśācas u.a., gleichen den Teufeln der christlichen Tradition; sie widersetzen sich der göttlichen Absicht und dem evolutionären Ziel im menschlichen Wesen und ändern den inneren Zweck, für den sie bestehen – nämlich das Böse –, nicht; sie müssen daher wie das Böse vernichtet werden. Der asura hat keine Seele, kein seelisches Wesen, das sich in einen höheren Zustand entfaltet; er besitzt nur ein Ego, und meist ein sehr machtvolles Ego; er besitzt ein Mental, manchmal sogar ein hoch intellektualisiertes Mental; sein Denken und Fühlen hingegen sind grundlegend vital und nicht mental, sie dienen seinem Begehren und nicht der Wahrheit. Er ist eine Gestaltung, die das Lebens-Prinzip für eine bestimmte Art von Arbeit angenommen hat, er ist aber keine göttliche Gestaltung oder Seele.

***

Asuras und rākṣasas gehören nicht der Erd-Ebene, sondern überphysischen Welten an; sie beeinflussen jedoch das Erdenleben und machen die Herrschaft über das menschliche Dasein, den menschlichen Charakter und die menschliche Tat den Göttern streitig. Sie sind Mächte der Dunkelheit, die mit den Mächten des Lichtes ringen.

Manchmal ergreifen sie von den Menschen Besitz, um durch sie zu wirken, manchmal werden sie auch mit einem menschlichen Körper geboren. Sobald sie nicht länger im Spiel erforderlich sind, werden sie sich entweder wandeln oder sie werden verschwinden oder nicht mehr versuchen, sich in das Erdenspiel einzumischen.

 

Es ist nicht ratsam, sich zu Beginn des Wegs ausführlicher damit zu beschäftigen oder sie unnötig zu fürchten. Besser ist, diesen ganzen Bereich gedanklich zu meiden, bis wir weit genug fortgeschritten sind und ihren Einfluss beharrlich zurückzuweisen können. Haben sie uns zu Fall gebracht, heißt es, so schnell wie möglich wieder aufzustehen, die richtige innere Haltung einzunehmen und weiterzugehen. Geben wir uns dem Göttlichen Bewusstsein hin, unterstehen wir einem Schutz, der machtvoller ist.

 

Auch Mutter wurde von ihren Schülern immer wieder dazu befragt: 

 

 Auf welche Weise soll man den feindlichen Kräften begegnen, die unsichtbar und doch so lebendig greifbar sind?

 

Das hängt weitgehend vom Entwicklungsstand eures Bewusstseins ab. Am Anfang, wenn man über kein Wissen und keine besonderen okkulten Kräfte verfügt, bleibt man am besten so friedvoll und still wie möglich. Nimmt der Angriff die Form von feindlichen Einflüsterungen an, so versucht sie in aller Ruhe wie einen stofflichen Gegenstand wegzuschieben. Je ruhiger ihr seid, desto stärker werdet ihr. Die feste Grundlage aller spirituellen Kraft ist seelischer Gleichmut. Lasst nichts euer Gleichgewicht stören; denn wenn ihr es bewahrt, könnt ihr allen Angriffen standhalten. Habt ihr außerdem noch genügend Unterscheidungsvermögen, um schlechte Einflüsterungen zu durchschauen und zu entlarven, sobald sie auf euch zukommen, dann fällt es euch umso leichter, sie abzuweisen; aber manchmal kommen sie unbemerkt, und dann ist es schwieriger, ihnen zu begegnen. In diesem Fall muss man ruhig bleiben und Frieden und tiefe innere Ruhe herabkommen lassen. Nehmt euch fest zusammen und ruft voll Glauben und Vertrauen; wenn eure Sehnsucht rein und beharrlich ist, dürft ihr sicher sein, die nötige Hilfe zu erhalten.

Angriffe von feindlichen Kräften sind unvermeidlich; man muss sie als Prüfungen auf dem Weg betrachten und den Sturm mutig durchstehen; hat man ihn aber hinter sich, so ist etwas gewonnen, man ist ein Stück vorangekommen. In gewissem Sinne sind die feindlichen Kräfte

sogar nötig: Sie stärken die Entschlossenheit und klären die Sehnsucht. Es stimmt auch, dass es sie nur deshalb gibt, weil ihr ihnen Ursache gebt zu sein. Solange ihnen irgendetwas in euch antwortet, ist ihre Einmischung völlig gerechtfertigt. Würde nichts in euch antworten und hätten sie über keinen Teil eurer Natur Gewalt, so zögen sie sich zurück und ließen euch in Ruhe. Jedenfalls dürft ihr ihnen nicht erlauben, euren spirituellen Fortschritt aufzuhalten oder zu hemmen.

Verlieren kann man den Kampf gegen die feindlichen Kräfte nur, wenn man kein echtes Vertrauen in die Hilfe des Göttlichen hat. Aufrichtigkeit in der Sehnsucht bringt immer den nötigen Beistand herbei. Ein ruhiger, inbrünstiger Anruf, die Gewissheit, dass man beim Anstieg zur Verwirklichung niemals allein marschiert, und der Glaube, dass die Hilfe immer da ist, wenn man ihrer bedarf, führen euch leicht und sicher zum Sieg.

 

Kommen die feindlichen Kräfte im Allgemeinen von außen oder von innen?

 

Habt ihr das Gefühl, dass sie von innen kommen, so zeigt das, dass ihr für sie offen seid und sie sich unbemerkt in euch eingenistet haben. Die eigentliche Natur der Dinge ist Harmonie; doch gibt es eine Verschiebung in gewissen Welten, die Perversion und Feindschaft bewirkt. Habt ihr eine Affinität zu diesen entstellenden Welten, so könnt ihr mit Wesen von dort gut Freund werden und völlig unter ihren Einfluss geraten. Das kommt vor, ist aber kein sehr glücklicher Zustand. Das Bewusstsein wird sofort verdunkelt, und Wahres lässt sich nicht mehr von Falschem unterscheiden; ihr könnt nicht einmal mehr erkennen, was eine Lüge ist und was nicht.

Wenn ein Angriff stattfindet, nimmt man jedenfalls am besten an, dass er von außen kommt und sagt sich: „Das bin ich nicht, und ich will damit nichts zu tun haben.“ Genau so müsst ihr euch gegenüber allen niedrigen Impulsen und Begierden, allen Zweifeln und Unsicherheiten des Geistes verhalten. Wenn ihr euch mit ihnen identifiziert, sind sie noch viel schwieriger zu bekämpfen; denn dann habt ihr den Eindruck, vor der nie sehr bequemen Aufgabe zu stehen, eure eigene Natur zu überwinden. Sobald ihr jedoch imstande seid, euch zu sagen: „Nein, das bin ich nicht, damit will ich nichts zu tun haben“, wird es viel leichter, sie zu vertreiben. (Gespräche mit der Mutter, 1929)

 

 

 

"Bevor das Ego abtritt

fordert es noch einmal gehörig Beachtung ein."  

 

Mutter 

 

 

 

 

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