"Europa wird zerstört werden"

Für alle Vorhersagen gilt: Um sich ihrem momentanen (!) Wahrheitsgehalt anzunähern, muss man entweder selbst in der Sadhana weit fortgeschritten sein oder sämtliche Aussagen im jeweiligen Kontext betrachten, in dem sie gemacht wurden: Zeitlich, gesellschaftlich, politisch, etc. Aus unserer begrenzten Sicht kann die Zukunft nicht als statisch betrachtet werden, sie ent-wickelt sich. Aus Göttlicher Sicht ist bereits alles enthalten und entfaltet sich in der Zeit. 

Mutter weigerte sich anfänglich, manche Aphorismen Sri Aurobindos zu kommentieren oder zu veröffentlichen. Sie betrachtete sie als zu privat und zu "heikel", um sie schon der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sri Aurobindos Voraussage zu Europa ist einer der interessantesten Aphorismen und war in den Gesprächen zwischen Mutter und ihrem Vertrauten Satprem verständlicherweise wiederholt Thema. Selbst Jahre nach Sri Aurobindos Rückzug aus der physischen Welt bestätigte sie den Wahrheitsgehalt der Aussage als immer noch wirksam. 

 

 

  3. März 1962:

 

Satprem: Hier ist ein eigenartiger Aphorismus...

 

Mutter: Lies vor!

 

76 – Europa rühmt sich seiner praktischen und wissenschaftlichen Organisation und Tüchtigkeit. Ich warte, bis seine Organisation perfekt ist, dann wird ein Kind es zerstören.

 

Das ist peinlich! Das ist schrecklich peinlich. Wir können es stillschweigend übergehen.

 

Ich wäre schon neugierig zu erfahren, was Sri Aurobindo damit meinte.

 

Ich wusste es einmal, habe es aber schnellstens vergessen. Ich wusste es, als er in seinem Körper war. Später erinnerte ich mich daran, aber jedesmal verhielt ich mich so, wie wenn man etwas in einen Schrank wegschließt (Geste).

Wir werden später sehen. Das sollte nicht ausgesprochen werden. Ich wusste, was er sagen wollte. Im Augenblick erinnere ich mich nicht daran.

 

Im Gespräch vom 28. August 1963 ging es um das Manuskript für "Sri Aurobindo oder das Abenteuer des Bewusstseins" von Satprem (siehe Lit.). Schon die Begründung des Verlegerfreundes für dessen Ablehnung ist sehr aufschlussreich, weshalb die ganze Unterhaltung wiedergegeben wird:

 

Satprem: Mein Verlegerfreund schrieb mir, aus welchen Gründen mein Manuskript abgelehnt wurde.

 

Mutter: Sieh an! 

 

Es ist interessant. Möchtest du, daß ich es dir vorlese?... (Satprem liest):

 

"... Ich hatte Ihnen meine pessimistischen Vorahnungen bereits mitgeteilt. Was die Motive für diese Entscheidung angeht, läuft alles stets auf den gleichen Punkt hinaus: ein aufrichtiges (aber zwiespältiges) ökumenisches Bestreben und eine eher breite als tiefschürfende intellektuelle Neugier bestimmen die Richtung und Gestalt unseres Hauses. Eine solche Geisteshaltung gestattet gewisse akademische Darstellungen von Problembereichen, die man (im vorliegenden Fall zu Unrecht) als relevant für die berühmte "östliche Spiritualität" betrachtet. Sobald es sich aber um innerlich erlebte Darstellungen handelt, zieht sich der gute Wille in sein Schneckenhaus zurück. Die Reaktion ist noch stärker, wenn der Autor ein "Abtrünniger" ist, ein zum Feind übergelaufener Europäer. (Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung! ) Ich muss betonen, dass dieser ganze Vorgang nicht nur ungewollt sondern sogar unbewusst ist (keine Entschuldigung sondern ein erschwerender Umstand). Der Widerstand, der Ihrem ersten Manuskript galt, hat sich gegenüber dem zweiten noch erhärtet, weil dieses eindeutig persönlicher, d.h. weniger "distanziert", noch weniger "objektiv" als das erste und zudem umfassender ist. Durch das Medium der Literatur vermochten Sie zu übermitteln, was immer Sie wollten. Mittels einer direkten Darstellung werden Sie – zum Guten oder Schlechten – nur wirklich Suchende berühren. In dieser Beziehung gehören unser Haus und seine Leser nicht zur Kategorie der Suchenden."

 

Er ist wirklich bewusst! Klar ist jedenfalls, und ich habe dir das schon immer gesagt: Dieses Buch ist nicht für sie bestimmt. Es gibt nicht viele, die suchen. Wirklich Suchende gibt es nicht viele. Ich sehe Briefe von Leuten, die nicht nur davon überzeugt sind, dass sie suchen, sondern sogar, dass sie bereits gefunden haben... Briefe angeblicher Schüler Sri Aurobindos aus Frankreich, Deutschland, England – sie verstehen nichts, aber auch gar nichts! Aber das spielt keine Rolle. Dann wird es eben für später sein.

 

Vor allem glauben sie, alles verstanden zu haben.

 

Ja, je weniger man weiß, um so mehr glaubt man zu wissen. Sie wissen alles, man kann ihnen nichts mehr beibringen. Lass dir beide Manuskripte zurückschicken, damit sie dort nicht nutzlos vergilben.

 

Ich sehe aber nicht, was diese Leute berühren könnte...

 

Nein! Der Versuch ist nicht einmal der Mühe wert.

 

Aber vom Standpunkt der Arbeit würde es sich lohnen – wie kann es dort sonst je zu einem Durchbruch kommen?

 

Oh!...Erinnerst du dich an diesen Aphorismus von Sri Aurobindo?... Ich verstehe SEHR GUT, was er damit sagen will. Das wird der Tag des Umsturzes sein. "Ein kleines Kind..." [Aphorismus 76 – Europa rühmt sich seiner praktischen und wissenschaftlichen Organisation und Tüchtigkeit. Ich warte, bis seine Organisation perfekt ist; dann wird ein Kind es zerstören.] Ich wollte keinen Kommentar dazu geben... aber es stimmt.

 

Weil sie unbelehrbar sind. Sie sind unbelehrbar, diese Leute.

 

Im mentalen Bereich. Mental kann man sie nicht erreichen.

 

Wie aber sonst?... Entweder durch Gewalt – eine gewaltsame Kraft – oder durch ein Wunder (was sie ein "Wunder" nennen)... etwas, das sie sprachlos lässt.

 

Diese Leute sind sehr verwundbar (das heißt wehrlos) gegenüber der spirituellen Kraft. Wenn sie sich eines Tages physisch manifestiert, wird das ihren Zusammenbruch bedeuten.

Sogar die Leute hier, die aufgrund ihrer Tradition an die Macht, an eine wahre spirituelle Macht gewöhnt sind, beginnen schon zu zittern, sobald sich diese auch nur ein bisschen manifestiert. Im Westen, wo sie von allen verleugnet wird, sind sie erst recht wehrlos.

Ich weiß nicht, wann das kommen wird – ich weiß es nicht, vielleicht wird es nicht sehr bald sein –, eines weiß ich jedoch: Wenn es dazu kommt, wird Panik ausbrechen – DIE Panik.

In einer Panik kann man etwas ausrichten.

 

 

Acht Jahre später ging es in der Unterhaltung zwischen Satprem und Mutter um die Frage, ob der Aphorismus in einen Sammelband (siehe Lit.) aufgenommen werden sollte oder nicht: 

 

Aber was wollte er damit ausdrücken?

 

Ich weiß es nicht. Natürlich kann nur die Macht zerstört werden, denn die Erde zerstört man nicht. *

 

Ja, die Erde zerstört man nicht, aber eine Zivilisation kann man zerstören.

 

Ja.

 

Nun, er sagt: "Europa wird zerstört werden."

 

Ja... aber welches Kind? (Mutter bleibt versunken) Im Moment weiß ich es nicht.

Ich habe den Eindruck, dies kam wie etwas absolut Wahres, eine absolut wahre Voraussage – aber ich weiß es nicht.

 

Du hattest gesagt, es sei besser, ihn wegzulassen. 

 

Jetzt habe ich ganz im Gegenteil das Gefühl, dass man es sagen MÜSSTE. Aber ich glaube nicht, daß die Zeit gekommen ist – ich will sagen, für die Verwirklichung. Die Zeit ist gekommen, es zu sagen [Anm.: 1971], aber noch nicht für die Verwirklichung. 

 

"Das Kind ..." ist es vielleicht das Kind der Neuen Welt?... Mit einem Lächeln lässt es all das einstürzen.

 

Ja, möglicherweise – das ist möglich. (Schweigen) Dies enthält eine erschreckende Macht... Etwas Ungeheures. Du kannst dir die Macht, die darin enthalten ist, gar nicht vorstellen – als ob wirklich das Göttliche selbst spräche: "Ich warte ..." – sagte er: "I am waiting"?

 

                Ja.

 

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 * Anm.: Gegen Ende ihrer Transformation wusste Mutter nur noch das, was sie wissen sollte. Das neue Bewusstsein baut nicht auf gedankliche Erinnerungen, sondern darauf, zu gegebener Zeit stets das Erforderliche zu tun.

In keiner der Textstellen machte Mutter genauere Angaben. Die Details bleiben uns wohl aus gutem Grund verborgen.  

 

 

***

 

 

 Nie die Stimme Gottes und seiner Engel gehört zu haben, hält die Welt für ein Zeichen von Gesundheit. 

 

Sri Aurobindo

 

 

 

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"Europa rühmt sich seiner praktischen und wissenschaftlichen Organisation und Effizienz. Ich warte darauf, dass seine Organisation perfekt ist, dann wird ein Kind es zerstören." 

 

                       Sri Aurobindo, Aphorismen

 


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